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Erinnerung an das polnische Arbeitslager Potulice


Auszüge (ohne Anmerkungen) aus:
Josef Wißkirchen (Hrsg.): Aus Danzig vertrieben - geflüchtet nach Stommeln
Persönliche Erinnerungen von Edith Sassen (geb. Runiewicz)
In: Pulheimer Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde 25/2001


Edith Runiewicz erlebte das Kriegsende auf dem Hof ihrer Großeltern in Wudzyn, 27 km nördlich von Bromberg. Der Vater war bereits als Soldat gefallen. Als sie in das westlich von Bromberg gelegene Arbeitslager kam, war sie ein dreizehnjähriges Mädchen. Ihre Sichtweise der Dinge ist davon wesentlich mitbestimmt.



Vertreibung

Ein paar Tage, es mag im März 1945 gewesen sein, kam polnische Polizei in Begleitung von zwei bis drei Russen mit einem Auto vorgefahren, und mein Onkel Emil, meine Tante Meta mit ihrem kleinen Gerhard und meine Mutter wurden auf einen Lkw geladen und abtransportiert. Meine Großmutter, meine Cousine Gerda und ich blieben allein auf dem Hof zurück. "Jetzt ist alles aus, jetzt können wir uns begraben", meinte verzweifelt meine Großmutter. Aus dem Dorf kamen Leute und erzählten, überall habe man die noch zurückgebliebenen Deutschen auf Lkw geladen und weggebracht. Meine Tante hat man damals nach Bromberg geschafft; aber sie ist noch einmal mit dem Jungen und einem guten polnischen Bekannten, den sie getroffen hatte, zurückgekommen; sie hat uns erzählt, meine Mutter Grete und ihr Bruder Emil seien weitertransportiert worden. Mein Onkel Emil ist bis nach Rußland verschleppt worden und erst nach etwa zweieinhalb Jahren wiedergekommen. Er hat später erzählt, sie seien damals erst bis zur Weichsel transportiert und dann in eine große Stadt gebracht worden, wo man sie in Eisenbahnwaggons verladen und in Richtung Rußland transportiert habe. Die Waggons seien mit Menschen vollgestopft gewesen, und nicht einmal ein Drittel von ihnen sei lebend am Ziel angekommen. Die meisten seien verhungert oder aus Schwäche tot zusammengebrochen, unterwegs habe man die Leichen einfach aus dem Zug geworfen. So wird es vermutlich auch meiner Mutter gegangen sein, die damals irgendwo ums Leben gekommen ist und von der ich nie mehr etwas gehört habe. Damals, ich war ein Mädchen von 13 Jahren, hat das Kriegsschicksal mich zu einer Vollwaisen gemacht.
Eines Tages kam ein uns bekannter Pole auf unseren Hof in Wudzyn, zeigte rund um und sagte, das alles gehöre jetzt ihm; meine Großmutter, meine Cousine und ich wurden auf einen Lkw verladen und nach Bromberg gebracht. Wir standen so dicht gedrängt auf dem Militär-Lkw, daß keiner umfallen konnte. Mitnehmen durften wir praktisch nichts, außerdem besaßen wir auch kam noch etwas, weil Haus und Hof ausgeplündert waren. Ich war, wie gesagt, damals 13 Jahre alt, meine Cousine zwei Jahre jünger.
Viele Lkw kamen in Bromberg zusammen mit alten Leuten und Kindern. Wir wurden in Schulgebäude einquartiert, Hunderte Menschen drängten sich hier auf engem Raum. Zu essen gab es fast nichts, auch an sauberem Wasser fehlte es. Ich bekam schließlich Typhus, andere Kinder auch. Mit diesen wurde ich in ein Krankenhaus verlegt, so daß ich meine Großmutter und meine Cousine verlor. Nun war ich ganz allein. Die Haare hatte man mir ganz abgeschnitten, mit vielen anderen Kindern lag ich da auf dem Fußboden, Betten gab es nicht. Mindestens vier Wochen blieb ich dort. Ich war so geschwächt, daß ich nicht einmal mehr gehen konnte. Es fehlte an Medikamenten und an hinreichender Ernährung.


Im Lager Potulice

Als es mir wieder besser ging, bekam ich wie andere auch ein Kleid und etwas zum Anziehen. Wir wurden auf einen Lkw verladen und in das berüchtigte Lager Potulice, 22 km westlich von Bromberg, gebracht. In dem ehemaligen Nazilager, mitten im Wald gelegen, hatte bis Januar 1945 deutsche SS Polen gequält, jetzt zahlten polnische Milizen es den Deutschen mit gleicher Münze heim, die Häftlinge wurden unterdrückt und vielfach mißhandelt. Das Lager bestand aus vielen Holzbaracken, in denen jeweils 50 bis 80 Personen untergebracht werden konnten. Es gab eine große Küche, darüber war eine Schneiderei und verschiedene Werkstätten usw. Tausende Häftlinge waren hier, weitgehend nur Frauen und Kinder und nur wenige Männer, von denen die meisten entweder mit der Wehrmacht nach Westen abgezogen oder längst in Kriegsgefangenschaft abgeführt worden waren.
Das Lager war von einem vierfachen Stacheldrahtzaun umgeben, auf den Ecken waren Wachttürme; zwischen den mittleren Zäunen lief ein Kontrollgang für die polnischen Wachtposten mit scharfen Hunden.
Nach der Ankunft wurde uns deutlich gemacht, wer hier der Herr war. Harte Kommandos auf polnisch, die wir nicht verstanden, befahlen uns herunter von den Wagen. Wir mußten uns in Reih und Glied aufstellen, und dann wurden wir gefilzt. Alles hat man uns - gegen eine Quittung - abgenommen, die letzten Habseligkeiten, die ich noch in meinem Köfferchen hatte: ein Ring meiner Mutter, eine Schere, etwas zum Schreiben und ein Heft. Wir mußten uns nackt ausziehen, man rasierte uns alle Kopf- und Körperhaare ab und führte uns in einen großen Duschraum. Nach dem Duschen wurden wir in Sträflingskleidung eingekleidet: Hose, ein einfaches kariertes Hemd und eine Jacke mit langem Arm, alles in Grau. An Unterwäsche gab es nur einen Schlüpfer und ein einfaches Trägerhemd, wie man sie ganz früher hatte; dazu Holzpantinen. Strümpfe waren nicht genug da, ich hatte das Pech, daß ich keine bekam. Aber ich besaß noch von meiner Großmutter gestrickte Socken, von denen ich ein Paar behalten durfte. Dann ging es in die Baracken hinein. Wir waren zu sechs (später zu acht) in einem abgeteilten Raum mit dreietagigen Feldbetten; darin lagen Strohsäcke und jeweils eine graue Militärdecke; Kopfkissen gab es nicht. Für jeden war ein Stuhl da und ein Schrankspind.
Wir waren eine buntgemischte Gruppe, junge Mädchen und ältere Frauen, und wir begannen uns gegenseitig unser Schicksal zu erzählen, aber dann schrie draußen jemand in für uns unverständlichem Polnisch: "Raustreten!" In Reih und Glied mußten wir uns aufstellen, bekamen einen Messingtopf mit einem Henkel in die Hand gedrückt, mußten uns anstellen und erhielten aus einem großen Bottich das erste Essen, einen Eintopf, dazu einen Löffel. Er mußte für den ganzen Tag reichen. Danach wurden unsere Personalien aufgenommen, diesmal auf deutsch.
Der Tagesablauf war immer gleich. Morgens gab es ein Pfund Brot und schwarzen Tee. Und dieses Brot haben wir stets sofort mit den Fingern zerrupft und aufgegessen, so hungrig waren wir. Wir versuchten zwar oft, einen Teil für später aufzubewahren, aber wir schafften es nicht, der Hunger war zu groß. Mittags gab es eine dünne Suppe; im Frühjahr Kohlsuppe, und als Fleischbeilage schwammen oben die Maden. Jeden Morgen war Appell; um 6 Uhr ertönte die Glocke zum Aufstehen.
Bald nach unserer Einlieferung wurden wir zu Arbeiten eingeteilt für die Küche, die Schneiderei, die Korbmacherei, die Bäckerei, die Büros, die Schreinerei usw.; in der Schreinerei wurden vor allem Särge gezimmert, weil so viele, vor allem die kleinen Kinder, starben. Geschwächt vom Hunger, bekamen viele Hautausschlag, Ekzeme, verloren die Zähne, viele, auch junge Menschen, konnten gar nicht mehr richtig sehen. Gott sei Dank war es bei mir nicht so. So schmächtig ist auch aussah, meine Gesundheit erwies sich doch als robust.
Eines Tages hieß es, wir müßten für unser Essen Geld verdienen. Wir müßten raus aufs Land und bei den Polen arbeiten, die endlich ihr Land zurückbekommen hätten, das die Deutschen ihnen abgenommen hätten. Wir standen in Reih und Glied, und Polen kamen und suchten sich welche von uns aus; ca. 50 bis 60 Personen wurden mit mir ausgewählt und auf ein Gut gefahren, wo wir auf den Feldern arbeiten mußten. Das Essen war einigermaßen erträglich; wir waren auf dem Gut selbst, einem weitläufigen, schloßähnlichen Gebäude mit zahlreichen Räumen, untergebracht und bekamen nun Frühstück, Mittag- und Abendessen. Die neuen polnischen Gutsbesitzer mußten für uns Zwangsarbeiterinnen an das Lager zahlen, wie ich später erfuhr.
Eine Zeitlang blieben wir hier, die Haare fingen wieder an zu wachsen, manche Polen kamen und gaben uns einen Rock oder Pullover, ich bekam sogar ein paar richtige Schuhe und eine Bluse. Aber als wir dann wieder ins Lager zurück mußten, wurde uns das alles wieder abgenommen, und wir alle mußten wieder unsere "Sträflingskleidung" anziehen. Sogar etwas Brot und ein Stück Kuchen hatte man uns auf dem Gut mitgegeben, aber das war das erste, was man uns abnahm.
Der Winter kam, Arbeit gab es nicht, nur ein paar Männer mußten zum Holzfällen in den Wald. Wir Frauen mußten mal hier, mal dort aushelfen, ich selbst habe in dieser Zeit eigentlich wenig zu arbeiten gehabt.
Im Frühjahr 1946 kamen wieder Bauern ins Lager und suchten sich Arbeitskräfte. Ich konnte damals schon ein bißchen Polnisch. Mit einem anderen Mädchen, Lilly Brandt, kam ich zu einem jungen Bauern, der auch für uns an das Lager Geld zahlen mußte. Lilly, noch schmächtiger als ich, sollte im Haus bleiben und ich draußen arbeiten. Der Bauer hatte 13 Kühe, die dreimal am Tag gemolken werden mußten, und das sollte ich tun. Aber ich konnte es nicht. So viele Tränen habe ich noch nie in meinem Leben vergossen wie bei den vergeblichen Versuchen, die Kühe zu melken. Ich hatte es oft genug gesehen, aber bei mir klappte es nicht, und deshalb wurde ich auch ein paarmal geschlagen. Aber eines Tages geschah das Wunder: Ich setzte mich mit einem kleinen Schemel hin, und - es klappte! Ich konnte melken! Auf einmal konnte ich eine Kuh melken! Ich war überglücklich.
Ich habe dann mit 14 Jahren dreimal täglich 13 Kühe gemolken. Ich weiß nicht, wer sich das heute überhaupt vorstellen kann. Ich hatte angeschwollene Arme vor Überanstrengung. Zusätzlich mußte ich oft auch noch beim Pflügen oder sonstigen Feldarbeiten das Pferd führen - der Bauer besaß nur ein Pferd. Ich habe damals schuften müssen wie ein erwachsener Mann und war doch noch ein Kind.
Das Kurioseste war: Sobald die Polen, fromm, wie sie waren, nachmittags die Glocken zur Kirche läuten hörten, ließen sie Pferd und Pflug oder was auch immer auf dem Feld stehen und gingen so, wie sie waren, in die Kirche und von der Kirche in die Wirtschaft und kamen dann erst in der Nacht nach Hause. Das Pferd ließ man einfach stehen.
Wir hatten viel Arbeit, aber wir wurden bei dem Bauern einigermaßen gut behandelt. Und ich fand einen Weg, mir zusätzliche Nahrung zu verschaffen: Bei meinem Onkel hatte ich früher gesehen, wie er manchmal ein rohes Ei austrank. Als Kind fand ich das eklig, aber er meinte, das gebe Kraft. Und nun machte ich es ihm nach. Ich stibitzte heimlich Eier im Hühnerstalle, trank sie aus und verscharrte die Schalen im Garten.
Bis zum Spätherbst waren wir auf diesem kleinen Bauernhof, und hier habe ich die polnische Sprache soweit gelernt, daß ich mich verständigen konnte. Dann kamen wir wieder ins Lager zurück. Die uns mitgegebenen Plätzchen - Weihnachten 1946 stand vor der Tür - ließ man uns diesmal im Lager, aber die Kleider, die wir trugen, mußten wir wieder gegen die Sträflingskleidung eintauschen.
Eines Nachmittags im Frühjahr 1947 - es war der Tag meines Lebens - hörte ich, wie mein Name aufgerufen wurde. Ich trat vor die Tür und man sagte mir, ich hätte Post. Und in der Tat: Ich hatte Post von meiner Tante Martha, die es von Dresden nach Stommeln bei Köln verschlagen hatte. Sie hatte mich durchs Rote Kreuz suchen lassen und erfahren, daß ich im Lager Potulice sei. Der Hintergrund war, daß kurz nach Weihnachten 1946 eine Delegation des Roten Kreuzes unser Lager besucht hatte. Meine Tante Martha fragte, ob ich noch gesund sei; wo meine Eltern seien, wisse sie nicht, ob ich etwas sagen könne?
Ich antwortete ihr, daß ich nichts vom Verbleib meiner Eltern wisse und daß ich hier im Lager sei; es gehe mir gut, zu essen hätten wir genug, aber ich müßte kleine Arbeiten verrichten - so schrieb ich, damit man im Lager an meinem Brief, den ich zum Lesen vorlegen mußte, nichts zu beanstanden hatte.
Der Briefe wurde freigegeben, aber lange habe ich keine Antwort erhalten, ungefähr zwei Monate lang. Aber dann kam eines Tages ein großes Paket meiner Tante Hete aus Kanada an. Sie hatte meine Adresse von meiner jetzt in Stommeln lebenden Tante Martha erfahren. In dem Paket fand ich mehrere Dosen mit Keksen, Nüssen usw., aber auch vier Nylonstrümpfe, zwei Kämme, eine tolle silberne Haarbürste und eine Puderdose mit Spiegel, dazu rosa Pantöffelchen, vorne mit einem Pompon drauf. Ich durfte alles behalten - kam das Paket doch "aus Amerika", wie man sagte -, außer einem Nagelnecessaire, weil da eine spitze Feile und Schere drin war.
Gemeinsam haben wir mit Heißhunger die Kekse gegessen. Am selben Abend noch kam dann die Bürovorsteherin zu mir und wollte mir unbedingt ein Paar Nylontrümpfe abkaufen. Ich forderte dafür etwas Schmalz als Brotaufstrich, und dazu versprach sie mir ein Stück Wurst. In einer Dose brachte sie mir beides. Wir acht in unserem Raum fühlten uns wie Könige. Auf diese Weise haben wir mein Paket gemeinsam langsam leergefuttert. Für die Nylonstrümpfe, die ich nach und nach verkaufte, habe ich jedes Mal mehr verlangt und auch bekommen. Wir haben richtig gut gelebt von dem einen Paket. Noch zwei weitere Pakete aus Kanada kamen an, und ich habe fast alles gegen Lebensmittel verschachert.
Es kam dann ein Aufruf, wer wolle, könne im Lager auch arbeiten. Ich habe mich für die Schneiderei gemeldet. In zwei großen Räumen nähten etwa 200 Frauen auf alten Maschinen Uniformen zusammen, die Einzelteile waren schon fertig zugeschnitten. Wenn man das Nötige schaffte, bekam man etwas Zucker. Zum Tee hatten wir nun auch etwas Zucker, wir fühlten uns richtig reich.
Die Verhältnisse im Lager begannen sich zu bessern. Es kam erneut eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes, auch wurden die Kranken besser behandelt als früher, aber trotzdem starben immer noch viele.
Eines Tages habe ich in der Schneiderei erfahren, daß die Frau des jüngsten Bruders meiner Mutter, Tante Marie, mit ihren beiden Kindern seit langem im Lager war. Getroffen hatte ich sie die ganze Zeit nicht. Bei einem Sonntagsspaziergang, der uns inzwischen in einem bestimmten Lagerbereich für eine gewissen Zeit gestattet war, habe ich sie dann einmal sprechen können; vier Tage später ist sie - wohl als Folge der Unterernährung - verstorben.
1948 kam ich noch einmal zur Arbeit aufs Land, und als ich dann wieder ins Lager zurückkam, hatte sich vieles geändert. Es gab etwas besseres Essen, und auch ich fühlte mich besser, denn die Haare wuchsen nach. Bald hieß es, das Lager werde aufgelöst. Uns junge Menschen fragte man damals, ob wir nicht Polinnen werden wollten, uns stünde dann eine große Zukunft bevor, alles werde wieder aufgebaut, und altes Eigentum bekämen wir vielleicht zurück, wenn wir uns einbürgern ließen usw. Aber ich bin darauf nicht eingegangen, ich habe das alles nicht geglaubt; ich wußte doch gar nicht, ob unser Haus in Danzig noch stand. Ich sagte, daß ich Deutsche bleiben wolle und daß ich eine Tante in Westdeutschland hätte. Aber man sagte mir, dahin würde ich niemals kommen, wenn, dann käme ich höchstens bis nach Ostdeutschland, d.h. in die Sowjetische Besatzungszone.
Von meiner Tante Martha Schützmann erhielt ich damals aus Stommeln vier bis fünfmal Post, und sie schrieb mir, im Westen sei es schön, aber im Osten sei es noch viel schöner; ich begriff, daß es genau umgekehrt gemeint war, und für mich stand fest, daß ich zu ihr wollte. Aber ich wußte auch, daß man junge Leute nicht aus der Sowjetischen Besatzungszone nach Westdeutschland ausreisen ließ. Abends saßen wir in unserem Raum und diskutierten, was wir machen sollten. Wir stimmten oft das Lied an: "Bis hierher hat uns Gott gebracht, bis hierher hat er uns geholfen" , um uns Mut zu machen.
Ich arbeitete damals für etwa vier Monate in der Krankenstation des Lagers, und da gab es inzwischen besseres Essen. Hier habe ich gelernt, wie man richtig verbindet usw. Dort gab es inzwischen auch deutsche Ärzte. In einer besonderen Baracke, wir nannten sie die "Verrücktenanstalt", lebten etwa 200 Personen, die den "Umschwung", d. h. die Enteignung und Vertreibung, nicht hatten verarbeiten können und regelrecht durchgedreht waren, darunter eine Gräfin und einige Professoren. Sie saßen immer auf den Tischen, tanzten und schrieen, sie waren ganz außer Kontrolle geraten. Es waren Menschen, die ein herrschaftliches Leben gewöhnt waren, unfähig zu körperlicher Arbeit, wie sie jetzt zum Überleben notwendig war. Man erzählte, man lasse sie im Lager verhungern, aber ob das stimmt, weiß ich nicht.

Auflösung des Lagers und Quarantäne in Erfurt

Schließlich wurden 1949 die ersten Transporte zusammengestellt, die die Auflösung des Lagers ankündigten. Zuerst waren es nur alte und kranke Leute, die nach Ostdeutschland entlassen wurden. Es waren fast tausend Menschen. Nach zwei bis drei Monaten wurde wieder ein Transport zusammengestellt für die mittleren Jahrgänge. Weil ich nicht nur deutsch, sondern auch polnisch lesen und sprechen konnte, habe ich damals auf dem Büro der Lagermiliz ausgeholfen. Das habe ich ausgenutzt und mich einfach auf die Transportliste dazugeschrieben. Es hat geklappt, und so bin ich damals mit einem Transport von weit über 1000 Menschen aus dem Lager herausgekommen.
Wir fuhren mit dem Zug in geschlossenen Güterwaggons bis zur Oder. Ca. 20 km vor der Grenze kamen Soldaten in unsere Waggons und nahmen uns das letzte ab, was wir noch besaßen. Ich verlor damals meine Schere, meinen Kamm, alles, was man uns bei der Entlassung aus dem Lager wieder ausgehändigt hatte. Auch mein Köfferchen habe ich damals verloren, nur einen Beutel besaß ich noch mit einer Kordel drum.
So sind wir über die Grenze gekommen, und ich landete mit vielen von uns schließlich in Erfurt, wo wir in einem großen Gebäude in einem Park vier Wochen in Quarantäne gehalten wurden. Das Essen war gut, hier war ja das Rote Kreuz vertreten, und wir bekamen Sachen zum Anziehen und vernünftige Schuhe. Wir konnten im Park spazierengehen, ich half auch in der Küche. Arbeiten waren wir ja gewohnt. Wir alle hatten verarbeitete Hände, als ob wir jeden Tag im Dreck herumgewühlt hätten.
Eines Tages erzählte mir jemand, daß schon mal Leute kämen, um sich jemanden für drei Tage zum Arbeiten zu holen, für Notfälle war das auch gestattet. Zudem bestand bei mir keine Ansteckungsgefahr, und auch mein Haar war inzwischen wieder gewachsen. Im Park sprach ich selbst dann einen Bauern an, der jemanden suchte; er erzählte mir, daß seine Frau ein Kind bekomme und er dringend jemand brauche zum Melken seiner drei Kühe. Als ich ihm sagte, daß ich das könne, wollte er es mir kaum glauben. Ich bekam die Erlaubnis, stieg auf den Pferdewagen und fuhr mit dem Mann. Er hatte einen armselig kleinen Bauernhof, so etwas kannte ich bisher nicht, in meiner Heimat hatte es nur große Höfe mit viel Land und viel Vieh gegeben. Die Polen in Wudzyn, so ging es mir durch den Kopf, hatten es besser als dieser Mann.
Ich habe gleich die Kühe gemolken - der Mann selbst konnte es nicht, obwohl er Bauer war. Die Frau lag zu Bett, ihr ging es schlecht, und ich habe ihr etwas gekocht. Drei Tage bin ich hier geblieben. Am zweiten Tag kam das Kind, ein zweiter Sohn. Der Pastor wurde geholt, und das Kind wurde gleich im Haus getauft.





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