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Kriegervereinswesen in Stommeln im 19. Jahrhundert


Auszug (ohne Anmerkungen) aus: Josef Wißkirchen: 200 Jahre Geschichte Stommelns, Band 1: 1794-1914, Pulheim 1997 (nur über die Buchhandlung BÜCHER GLAESER in Stommeln beziehbar)

Am 18. Juli 1871 beschloß der Stommelner Gemeinderat, "den heimkehrenden Kriegern des Feldzuges 1870/71 zum Danke für ihre Tapferkeit ein Fest zu bereiten" und stellte dafür 300 Taler aus der Gemeindekasse bereit. Zu Festvorbereitung wurde ein Komitee gewählt, bestehend aus dem Bürgermeister Weidt als Vorsitzenden und den Herren Stupp, Ferken, Emunds, Schiefer, Schumacher, Könen, Kürten, Füser, Jungen, Baum, Dünwald, Martini und Müller - Namen, hinter denen die damals angesehensten Stommelner und Stommelerbuscher Familien standen.
Dieses erste Empfangsfest für die heimkehrenden Krieger war die Geburtsstunde des "Kriegerfestes", das in Zukunft alljährlich im Ort gefeiert wurde. Ausgerichtet wurde es vom "Kameradschaftlichen Verein", im Alltag kurz "Kriegerverein" genannt, zu dem sich die Stommelner Kriegsveteranen von 1864 (Dänischer Krieg, Sieg bei den Düppeler Schanzen) und 1866 (Sieg Preußens über Österreich bei Königgrätz) am 3. 11. 1866 vereinigt hatten. Deren "Ruhm" wurde überstrahlt durch den der aus Frankreich heimkehrenden Krieger, die nun als Veteranen in den Verein von 1866 eintraten und ihn zahlenmäßig, aber auch ideell dominierten. Am 24. September 1871 verabschiedete man die neuen Statuten des Kameradschaftlichen Kriegervereins zu Stommeln" (polizeilich bestätigt am 4. Mai 1872). Langjähriger Präsident des Kriegervereins war Jakob Brohl, der an den Feldzügen von 1866 und 1870/71 teilgenommen hatte und von 1874 an mehr als drei Jahrzehnte lang Mitglied des Gemeinderates, ab 1882 auch Gemeindevorsteher von Stommeln war.
Am Kirmestag, d. h. am 3. Oktobersonntag, des Jahres 1874 wurde das vom Kameradschaftlichen Verein auf dem Friedhof errichtete Kriegerdenkmal eingeweiht. Den schönsten Platz hatte man dafür mit Genehmigung der Gemeinde gewählt: auf der damals neuen Friedhofserweiterung, gegenüber dem Turmportal der alten Kirche. Ein Jahr zuvor, am 2. September 1873, war in Berlin eine Siegessäule enthüllt worden, überragt von einer vergoldeten Göttin des Sieges; Stommelns Kriegerdenkmal wurde wohl als kleines Abbild davon verstanden, aber doch mit spezifischem Lokalkolorit: Auf der Säule steht der Stommelner Pfarrpatron Martinus, allerdings nicht als mildtätiger Mantelteiler, sondern als Krieger mit Schild und Feldherrnstab und zugleich als Bischof (vgl. die Mitra auf seinem Schild). Auf den vier Seiten des Sockels sind die Namen der Veteranen samt ihrer Regimenter verzeichnet, darunter auch der Name des jüdischen Lazarus Stock. 1995 wurde das Denkmal restauriert.
1874, als man in Stommeln das Denkmal errichtete, erreichte das Kriegervereinswesen seinen ersten Höhepunkt und wurde zugleich zunehmend zu Zwecken staatlich-monarchischer Propaganda vereinnahmt. Hierzu war 1872 der Deutsche Kriegerbund gegründet worden, dem anfangs vierzig, 1892 aber bereits 6.783 Vereine mit 571.800 Mitgliedern angehörten. Noch einmal so viel Kriegervereine gab es, die sich nicht dem Deutschen Kriegerbund anschlossen. 1892 gab es im ganzen Reich 12.898 Kriegervereine mit mehr als 1 Million Mitgliedern. Dem Stommelner Kriegerverein gehörten 1891 74 Veteranen an. Er war Mitglied des 1892 gegründeten "Kreis-Kriegerverbandes Köln (Stadt und Land)". Oberster Dachverband war der "deutsche Kriegerbund", aus dem 1900 der "Kyffhäuser-Bund" hervorging, der es es schließlich sogar auf fast 2,9 Millionen Mitglieder brachte.
Im Jahr 1874 wurde auch zum erstenmal der zum Nationalfeiertag erhobene "Sedanstag" begangen (2. September) zur Erinnerung an den Sieg von Sedan 1870. Berichte über Sedansfeiern in den nahen Städten Grevenbroich und Wevelinghoven zeigen, mit welchem nationalistischen Propagandaspektakel dieser Tag nach den Wünschen der Regierung begangen werden sollte, aber auch, daß es in katholischen Bevölkerungsteilen hierbei infolge des damaligen Kulturkampfes teilweise zu einer Verweigerungshaltung kam. Für Stommeln, wo in der Karwoche des gleichen Jahres der Stommelner Pfarrverwalter Havermann verhaftet und im Kölner Gefängnis Klingelpütz inhaftiert worden war, dürfte das wohl verstärkt gegolten haben. Die Tatsache, daß keinerlei Berichte über öffentliche Feiern in Stommeln vorliegen, mag als ein Indiz dafür gewertet werden.
In der Stommelner Schule aber fand wie überall im Lande am 2. September 1874 die erste Sedansfeier statt. Der Besuch des neuen Kreis-Schulinspektors Rinck aus Köln wenige Tage vorher mag auch dessen Vorbereitung gedient haben.
Trotz gewisser Vorbehalte und Irritationen der katholischen Stommelner Bevölkerung in der Zeit des Kulturkampfes darf man daraus nicht die These einer grundsätzlichen Ablehnung der protestantischen preußischen Monarchie und des nationalistischen Pathos' der Zeit ableiten. Die Errichtung des Kriegerdenkmals 1874 dokumentiert den Stolz der auf dem Sockel verzeichneten Veteranen, ihren Beitrag zum nationalen Einigungswerk geleistet zu haben. Das alljährliche Kriegerfest mit Festgottesdienst, Festzug des ordengeschmückten Kriegervereins durch den Ort und abendlichem Ball in einem der Säle war einer der gesellschaftlichen Höhepunkte im Dorfleben, und das erst recht, als der Staat seit 1878 in der Kulturfrage einlenkte und den Ausgleich mit der katholischen Kirche suchte.
Wie der Kölner Landrat dem Regierungspräsidenten am 17. Februar 1900 berichtete, war es im Landkreis Köln bei den Kriegervereinen allgemein, wohl auch in Stommeln, üblich, "sämtlichen Mitgliedern die militärische Leichenfeier zutheil werden" zu lassen. "Eine Beschießung über das Grab findet nur bei solchen Mitgliedern statt, welche an einem Feldzuge teilgenommen haben." Zum militärischen Bestattungszeremoniell gehöre auch der "Rückmarsch mit Musik vom Friedhofe zum Vereinslokal".
Als aus Anlaß des hundertsten Geburtstages des verstorbenen Kaisers Wilhelm I. am 22. März 1897 eine Kaiser-Wilhelm-Erinnerungsmedaille herausgegeben wurde, die an alle ehemaligen Veteranen verliehen werden konnte, beeilte sich der Kameradschaftliche Kriegerverein Stommeln, sie für alle seine Mitglieder anzufordern. Die dabei aufgestellte Liste gibt zugleich Auskunft über die Teilnahme an den Einigungskriegen und bisher schon erhaltene Orden und Ehrenzeichen:

Verzeichniß der rechtmäßigen Inhaber der preuß. Kriegsdenkmünze für 1864, des preuß. Erinnerungskreuzes für 1866 und der Kriegsdenkmünze für 1870/71, ohne Rücksicht auf ihr Combattanten- oder Nichtcombattanten-Verhältniß, für welche die Verleihung der Erinnerungsmedaille vom 22. März 1897 erbeten wird (Kaiser-Wilhelm-Medaille)


Nr.

Name

Beruf

Wohnort

Mitgemachte Feldzüge

Orden und Ehrenzeichen

Bei welchem
Truppenteil gedient?

1

Abs Peter

Schuster

Stommeln

1870/71

von 1870/71

68.Inf.Regt.

2

Brohl Jacob

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

1866 u. 1870/71

8.Train-Bataillon

3

Brohl Johann

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

1866 u. 1870/71

65.Inf.Regt.

4

Brohl Engelbert

Landiwrt

Stommeln

1866

v. 1866

16. Husar.Regt.

5

Büchel Johann

Tagelöhner

Stommeln

1866 u. 1870/71

v.1866 u. 1870/712

Gard.Inf.Regt.

6

Bolz Johann

Tagelöhner

Stommeln

1870/71

v.187071

68.Inf.Regt.

7

Bürger Peter

Schneider

Stommeln

1870/71

v.1870/71

40.Inf.Regt.

8

Bertram Theodor

Händler

Stommeln

1866 u. 1870/71

v.1866 u. 1870/71

68.Inf.Regt.

9

Breuer Mathias

Tagelöhner

Stommeln

1866 u. 1870/71

v.1866 u. 1870/71

8.Art.Regt.

10

Breuer Wilhelm

Tagelöhner

Stommeln

1866 u. 1870/71

v.1866 u. 1870/71

7. Ulanen Regt.

11

Breuer Johann

Schneider

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

40.Inf.Regt.

12

Cremer Jacob I

Rasirer

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

7. Ulanen Regt.

13

Cremer Jacob II

Schmied

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

65.Inf.Regt.

14

Cremerius Johann

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

28.Inf.Regt.

15

Feuser Christian

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

65.Inf.Regt.

16

Feuser Jacob

Polizeidiener

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

2.Garde Inf.Regt.

17

Feuser Reiner

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

Garde Feld.Artil.

18

Flock Heinrich

Postschaffner a.D.

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

7. Husar.Regt.

19

Flock Mathias

Wirth

Stommeln

1866/ u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

2.Garde Inf.Regt.

20

Fischer Mathias

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

40.Inf.Regt.

21

Ferken Paul

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

7. Ulanen Regt.

22

Ferken Winand

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

7. Husar.Regt.

23

Forst Heinrich

Tagelöhner

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

28. Inf. Regt.

24

Geller Josef

Tagelöhner

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

40.Inf.Regt.

25

Gladbach Benedict

Stellmacher

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

40.Inf.Regt.

26

Gladbach Leonhard

Fleischbeschauer

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

40.Inf.Regt.

27

Henseler Joh. Paul

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

28.Inf.Regt.

28

Hüsch Heinrich

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

28.Inf.Regt.

29

Hüsch Winand

Tagelöhner

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

8.Feld.Artil.

30

Jansen Wilhelm

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

8.Train Batail.

31

Jansen Friedrich

Bäcker

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

7. Husar.Regt.

32

Kularz Mathias

Metzger

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

40.Inf.Regt.

33

Kamp Johann

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

65.Inf.Regt.

34

Kamp Josef

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

28.Inf.Regt.

35

Konrads Hermann

Schmied

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

7.Husar.Regt.

36

Lepper Heinrich

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

40.Inf.Regt.

37

Leufen Josef

Sattler

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

Garde Corps

38

Müller Johann I

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

28.Inf.Regt.

39

Müller Johann I

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

8.Kürass.Regt.

40

Mück Wilhelm

Tagelöhner

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

68.Inf.Regt.

41

Mück Heinrich

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

68.Inf.Regt.

42

Mück Johann

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

87.Inf.Regt.

43

Nellen Stefan

Metzger

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

8.Jäger-Batail.

44

Nießen Mathias

Tagelöhner

Stommeln

1864,1866 u. 1870/71

v. 1864, 1866 u. 1870/71

Garde Fest.Artill.

45

Pesch Heinrich

Tagelöhner

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

68.Inf.Regt.

46

Peters Ludwig

Tagelöhner

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

7.Husar.Regt.

47

Pütz Heinrich

Gutspächter

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

Gard.Füs.Regt.

48

Pintgen Hermann

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

Gard.Füs.Regt.

49

Ruckes Severin

Metzger

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

8.Fest.Art.Regt.

50

Rosell Johann

Landwirt

Poulheim

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

68.Inf.Regt.

51

Römer Josef

Bäcker

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

65.Inf.Regt.

52

Rütten Andreas

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

39.Inf.Regt.

53

Römer Wilhelm

Schuster

Roggendorf

1870/71

v. 1870/71

40.Inf.Regt.

54

Rohde Wilhelm

Bäcker

Stommeln

1864, 1866 u. 1870/71

v. 1864, 1866 u. 1870/71

29.Inf.Regt.

55

Rommerskirchen Jacob

Tagelöhner

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

28.Inf.Regt.

56

Schiefer Wilhelm

Schneider

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

Garde Pioniere

57

Schmitz Stefan

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

40.Inf.Regt.

58

Schmitz Christian

Schneider

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

8.Kürass.Regt.

59

Schneider Peter

Schuster

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

4.Garde Regt.

60

Segmüller August

Maurer

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

87.Inf.Regt.

61

Stock Lazarus

Händler

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

68.Inf.Regt.

62

Steger Christian

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

28.Inf.Regt.

63

Steven Gottfried

Tagelöhner

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

40.Inf.Regt.

64

Stotzem Heinrich

Wirth

Hermülheim

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

28.Inf.Regt.

65

Teller Kaspar

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

7.Husar.Regt.

66

Uerlich Wilhelm

Landwirt

Büßdorf

1870/71

v. 1870/71

68.Inf.Regt.

67

Vesen Heinrich

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

Garde Regt.

68

Vosen Franz

Landwirt

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

65.Inf.Regt.

69

Weirauch Adolf

Schuster

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

40.Inf.Regt.

70

Wisdorf Johann

Tagelöhner

Stommeln

1870/71

v. 1870/71

40.Inf.Regt.

71

Wego Mathias

Landwirt

Stommeln

1866

v. 1866

7.Husar.Regt.

72

Wagen Johann

Landwirt

Stommeln

1866 u. 1870/71

v. 1866 u. 1870/71

28.Inf.Regt.

73

Wildt Ludwig

Wirth

Stommeln

1866

v. 1866

28.Inf.Regt.

74

Weitz Johann

Tagelöhner

Stommeln

 

 

40.Inf.Regt.

75

Zensen Adam

Tagelöhner

Stommeln

 

 

7.Husar.Regt.

76

Zimmermann Johann

Rentner

Stommeln

1864, 1866 u. 1870/71

v. 1864, 1866 u. 1870/71

2. Garde Regt. z. Fuß

77

Zimmermann Jacob

Tagelöhner

Stommeln

 

 

40.Inf.Regt.


Stommeln, den 20. November 1898. Der Vorstand des Kameradschaftlichen Kriegervereins Stommeln.

Der pfauenhafte Stolz, mit dem man die verliehenen Orden und Ehrenzeichen im Festzug am Kriegerfest durch das Dorf trug, zeigte, wie sehr militärische Ideale nach 1871 das Alltagsleben durchwirkten. Der 1862 geborene Historiker Friedrich Meinecke, der in seiner Jugend diesen Militärkult geteilt hatte, spricht in diesem Zusammenhang von einem "merkwürdig penetranten" Sozialmilitarismus, der das ganze bürgerliche Leben in einem Maße erfaßt habe wie in keinem Nachbarland. "Im Verhaltensstil, in der Sprache und Denkweise wurde die Dominanz des Militärs bereitwillig akzeptiert, imitiert und verinnerlicht. Seine Werte und Normen rückten an die Spitze der Ansehensskala."
Die Grundlagen eines solchen Sozialmilitarismus wurden bereits im Elternhaus und in der Schule, nicht zuletzt im Geschichtsunterricht, gelegt. Für die jungen Männer, die in ihrer Jugend nur die Enge und Monotonie des Dorflebens kennengelernt hatten, bedeutete die dreijährige Dienstzeit in einer der städtischen Garnisonen den Zugang zu bisher verschlossenen, vielfältigen Eindrücken und ermöglichte eine von der Gewöhnlichkeit des Alltags befreiende Identifikation mit einem überindividuellen Ziel, mit Volk und Vaterland, die das Selbstbewußtsein stärkte. Nach der Entlassung wurde praktisch jeder, der "gedient" hatte, Mitglied im heimischen Kriegerverein, der als "Armee im Bürgerrock" ihm helfen sollte, auch im Zivilleben die Tugenden zu bewahren, "die er beim Heere gelernt und geübt hat, die nationale Gesinnung, den Gehorsam, die Liebe zu den Kameraden" - könnte doch das Vaterland "einst wieder seine Söhne zum Schutze der nationalen Güter aufzurufen genöthigt sein". Die Kriegervereine verlängerten auf diese Weise den Einfluß des Militärs über die Dienstzeit hinaus und verankerten den Militarismus tief im Herzen der Menschen.
Zugleich wurden die Kriegervereine bereits sehr früh von Bismarck als wirkungsvolles Agitationsinstrument gegen Demokratie, Parlamentarismus und Sozialdemokratie erkannt und genutzt. Am 24. Januar 1891 veranlaßte das Ministerium des Innern "Maßnahmen zur Verhütung des Eindringens sozialdemokratischer Elemente in die Kriegerbvereine" und wies die Regierungspräsidenten an, darauf hinzuwirken, daß die Vereine in ihren Statuten "auf Vaterlandsliebe und Königstreue bezügliche Bestimmungen aufnehmen". Andernfalls wurde die Rücknahme der Vereinsbestätigung angedroht.
Hintergrund hierfür war, daß die Sozialdemokratie trotz ihrer Verfolgung durch das Sozialistengesetz (1878) bis 1890 ihre Mitgliederzahl auf fast 1,5 Millionen erhöhen konnte und nach dem Auslaufen des Sozialistengesetzes (1890) bei Wahlen - trotz manipulativer Benachteiligung durch das Wahlrecht - stetig höhere Wahlergebnisse erzielte, so daß sie schließlich nicht nur die mitgliederstärkste Partei war, sondern vor dem Ersten Weltkrieg auch die größte Fraktion im Reichstag stellte.
In einem massenhaft verbreiteten Sonderdruck aus seiner Verbandszeitschrift "Parole" erklärte 1898 der Vorstand des Deutschen Kriegerbundes:
"Wer sich als Sozialdemokrat bekennt, wer es selbst ausspricht, sozialdemokratisch gewählt zu haben, der muß unerbittlich aus unseren Vereinen heraus."
Der Preußische Landes-Kriegerverband erklärte es für unvereinbar mit der Mitgliedschaft im Kriegerverein, bei Wahlen "dem Kandidaten einer Partei, welche Kaiser, Reich und den monarchischen Staat nicht anerkennt, welche die bestehende Gesellschaftsform umstürzen will, also einem Sozialdemokraten (die) Stimme zu geben".
In den Satzungen des Preußischen Landes-Kriegerbverbandes von 1898 heißt es:
"Grundsätzlich ausgeschlossen von der Aufnahme ist:

    a) wer mit Zuchthaus ... bestraft ist,
    b) wer durch Urtheil aus dem Soldatenstande oder ehrengerichtlich aus dem Offiziersstande entfernt ... ist,
    c) wer der sozialdemokratischen Partei angehört oder sie unterstützt, oder ihre Bestrebungen durch Worte oder Handlungen unterstützt."
Der Kreis-Kriegerverband Köln formulierte in seiner Satzung vom 8. Dezember 1900 als Zweck des Verbandes:
"Aufrichtige Liebe und Treue für Kaiser und Reich, Landesfürst und Vaterland bei seinen Mitgliedern zu pflegen, zu bethätigen und zu stärken, deutsch-nationale Gesinnung zu fördern und den vaterländischen Kriegsruhm in lebendigem Andenken zu halten."
Ein "echter" Deutscher stand treu zu Kaiser, Volk und Vaterland; ihm galten die Sozialdemokraten als "vaterlandslose Gesellen". Gerade auf dem Lande, wo es keinerlei Parteiorganisationen im heutigen Sinne gab, waren die Kriegervereine ein wichtiges Instrument zur mentalen Beeinflussung im Sinne des Wilhelminismus und erfreuten sich deshalb allerhöchster kaiserlicher Protektion. Der in ihren Reihen gepflegte vulgäre Nationalismus und Militarismus war demokratiefeindlich.
Besonders verhängnisvoll dabei war, daß dieser Geist den Untergang der Monarchie 1918 überdauerte und auch in den Jahren der Weimarer Republik von den neuen Kriegsveteranen des Ersten Weltkrieges weitergeführt wurde. Am 21. Juli 1926 feierte der Stommelner Kriegerverein mit großem Aufwand sein sechzigjähriges Bestehen.
In den Kriegervereinen überlebte eine militaristische und deshalb friedensunfähige nationalistische Mentalität, die schließlich nationalsozialistischem Denken den Weg bereitete. Friedrich Meinecke, in jungen Jahren selbst ein Preußenverehrer, bezeichnete den Militarismus als diejenige geschichtliche Macht, die "den Aufbau des Dritten Reiches wohl am stärksten gefördert hat".





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