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Bäuerliches Kinderleben Anfang des 20. Jahrunderts


Auszug (ohne Anmerkungen) aus:
Josef Wißkirchen: 200 Jahre Geschichte Stommelns, Band 2: 1914-1945, Pulheim 2001 (im Buchhandel erhältlich)


Die Kinder wuchsen anspruchslos auf, empfanden selbst aber keine Entbehrungen. Lorenz Nelles berichtet:


    "Als erstes kann ich mich daran erinnern, daß meine Mutter mich beim Melken mit in den Stall nahm. Ich saß dann im Gang auf einem Ballen Stroh und hielt in der Hand eine Emaille-Tasse, in die ich von jeder Kuh etwas frischgemolkene Milch bekam. Im Gang des Stalles lagen auch die neugeborenen Kälber. Später durfte ich den Eimer halten, um sie zu tränken. Das war oft gar nicht so einfach. Ich kann mich auch gut erinnern, daß ich als kleines Kind mit meinem Großvater zu Fuß hinaus aufs Feld ging, um meinem Vater und allen, die mit ihm dort arbeiteten, Butterbrote und Kaffee zu bringen. Meist war das in der Erntezeit. Die Brote mit Butter und Quark schmeckten immer. In der Nachbarschaft hielten zu meiner Kinderzeit sehr viele Familien Ziegen. Es war stets etwas Schönes für uns Kinder, wenn im Frühjahr die jungen Ziegen zur Welt kamen. Sie liefen meist auf dem Hof umher, und wir durften damit spielen. Als wir älter als vier Jahre alt waren, durften wir mit Vater aufs Feld fahren. Wir saßen dann neben ihm auf einer quer gelegten ‚Hühbragge' und waren stolz, Pferd oder Ochse an der Leine zu führen. Das war nicht allzu schwer, weil auf den Feldwegen tief eingefahrene Räderspuren waren. Wenn morgens früh als Futter für das Vieh Klee geholt wurde, saßen wir auf dem Heimweg hoch oben auf der beladenen Karre."

Das Leben in der Familie, das die Kinder kennenlernten, war tief religiös geprägt. Die Mutter brachte ihnen die ersten Morgen- und Abendgebete bei, mittags nahmen sie teil am gemeinsamen Tischgebet. In der Fastenzeit kam das Rosenkranzgebet in der Familie hinzu:


    "Jeden Abend wurden wir, solange ich jung war, zusammengerufen. Wir knieten dann alle rundum in der Stube, aufgestützt auf einen Stuhl. Gebetet wurde der Schmerzhafte Rosenkranz, ein Gesetz für die Verstorbenen, die Lauretanische Litanei und noch ein paar Vaterunser in besonderen Anliegen. Später haben wir uns beim Beten hingesetzt."

Gekauftes Spielzeug kannten die Kinder nur sehr begrenzt, etwa die preiswerten "Ömmere" (Klicker, kleine Tonkugeln), mit denen man stundenlang auf der Erde spielen konnte, um sie im Wetteifer mit anderen mit dem Daumen in eine kleine Kuhle zu schnipsen oder mit dem gekrümmten Zeigefinger zu schieben. Im Sommer holte man einen alten Reifen aus dünnem Rundeisen hervor, den einst einmal der Dorfschmied gefertigt hatte, um ihn mit einem Stöckchen kunstvoll durch den Hof oder über die Straße zu treiben. Aus einer Zigarrenkiste und ein paar leeren hölzernen Garnrollen bastelte man sich kleine Wagen mit Rädern, um es dem Vater mit seinem großen Fuhrwerk im Spiel gleichzutun. Ein wunderbares Spielzeug war der "Dilldopp", der Kreisel, den man mit der Schnur an einem Stock so peitschen konnte, daß er sich blitzschnell drehte oder gar über viele Meter durch die Luft flog, landete und sich weiter drehte, bis ein neuer Schlag mit der Schnur ihn vor dem Erlahmen wieder in Fahrt brachte. Den Dilldopp zwischen den Fingern anzuwerfen, ihn dann mit dem ersten Peitschenschlag zu beschleunigen und anschließend möglichst lange kreisen zu lassen setzte viel Geschick voraus, das man durch langes Üben und Wetteifern mit anderen gewinnen konnte. Im Herbst luden die Stoppelfelder dazu ein, selbstgebastelte Drachen steigen zu lassen. Einer fing damit an, und bald hatte er die ganze Dorfjugend um sich versammelt; man fachsimpelte miteinander, welche Konstruktionsart am günstigsten sei, und der ganze Stolz eines Jungen war es, wenn sein Drachen am höchsten von allen am Himmel stand.
Große Geschenke gab es damals auch zu Weihnachten nicht; vom Christkind gab es einen Teller mit Spekulatius, Nüssen und Äpfeln, später wohl auch schon mal Schokolade. Den Kindern war es Freude genug. Sie gingen in die Nachbarfamilien mit Kindern, vor allem dann, wenn sie einen Weihnachtsbaum oder gar ein Krippchen aufgestellt hatten, und sangen gemeinsam Weihnachtslieder.
Wer unter den Kindern von zu Hause ein Fahrrad zur Verfügung gestellt bekam, war unter seinesgleichen König; abwechselnd vergnügten ganze Gruppen von Spielkameraden sich damit, lernten die Kunst des Fahrens, und wenn die kurzen Kinderbeine noch nicht über die Querstange reichten, dann mußte man eben in akrobatisch gekrümmter Haltung eine Bein durch das Rahmendreieck stecken. Und dabei träumte man davon, später selbst einmal ein eigenes Fahrrad zu besitzen.
Zehnjährige Kinder mußten zu Hause mithelfen, etwa bei der Kartoffelernte oder beim Rübenstechen und -einzeln. Nach der Schule mußten sie oft dem Vater ins Feld nachgehen, um ihm beim Pflügen oder Säen mit der Sämaschine das Pferd zu führen. Bei der Getreideernte war es ihre Aufgabe, die Garben zum Trocknen auf Haufen ("Hocken") zu stellen und dann - je nach Witterung - ein oder zwei Tage später beim Einfahren auf die Karre bzw. den Wagen zu klettern, um die von den Erwachsenen angereichten Garben kunstvoll aufzutürmen. Zu Hause halfen sie beim Ausmisten des Kuhstalls und der Schweinekoben oder gingen der Mutter bei der Gartenarbeit zur Hand. Für die Anfertigung von schulischen Hausaufgaben blieb oft nur wenig Zeit.
Viele Erinnerungen von Lorenz Nelles an seine Kinderzeit sind verbunden mit dem "Stommelner Bach":


    "Längs der Hauptstraße waren zu seinen beiden Seiten Nußbäume angepflanzt. Im Spätherbst hatten wir stets Gelegenheit, Nüsse zu ernten. Wir Kinder warteten jedoch nicht, bis die Nüsse uns in den Schoß fielen. Wer gut mit Stein oder Holz werfen konnte, holte sich viele herunter, ob sie nun reif waren oder nicht. In der Nettegasse standen Eichen, entlang der Bruchstraße Birnbäume und am Kommunalweg, der Straße nach Stommelerbusch, die früher anders verlief, Pflaumenbäume. Die Birnen und Pflaumen wurden nie reif, denn sie waren schon vorher teils geerntet, teils geplündert. […] In der Nettegasse war links vom Bach eine gepflasterte Straße. Die Häuser rechts der Straße hatten, soweit es sich nicht um ein Bauerngehöft handelte, einen schmalen Gehsteig über den Bach. Wer jedoch eine Toreinfahrt besaß, hatte auch eine feste Brücke, damit er mit Pferd und Karre auf seinen Hof konnte. Wenn ich zurückdenke, sehe ich unsere Nachbarn an Sommerabenden zusammen vor einem Haus sitzen, Pfeife rauchend und sich unterhaltend. Wir Jungen saßen auf der Brücke, und die Beine baumelten herunter. Auch gab es Gruppen, in denen gesungen wurde."

Lorenz Nelles malt ein idyllisches Bild, sein Altersblick zurück in die Kindheit hat manches verklärt. Man wird es deshalb ergänzen müssen. Lorenz Nelles' Schilderung enthält viel Wahrheit über mitmenschliche Nähe im damaligen Dorfleben, aber sie läßt auch etwas über dessen Enge ahnen; man spürt die Geborgenheit in einem überschaubaren Personenverband, aber auch den Mangel an selbstbestimmten Lebensperspektiven für junge Menschen.
Wie hart und gefährdet das Leben gerade auch für Kinder damals war, geht aus den Übersichten hervor, die der Stommelner Pfarrer Ende 1921, 1922 und 1923 über die jeweils verstorbenen Erwachsenen und Kinder von der Kanzel der Gemeinde vorgetragen hat:


    Kinderbeerdigungen in den Jahren 1921 bis 1923
    Beerdigungen 1921 1922 1934
    Kinder 16 12 14
    Erwachsene 26 23 30
    insgesamt 42 35 44

Jeder dritte Verstorbene war ein Kind.





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