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Erinnerung an die Militärzeit als bunter Wandschmuck um 1900
Josef Wißkirchen
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Das Original des hier abgebildeten bunten Öldrucks (Abb. links) hängt in der heimatkundlichen Sammlung im Stommelner Feuerwehrhaus.
Der schmucke junge Mann in Soldatenuniform, der das Zentrum des Bildes einnimmt, ist namentlich bekannt: Es ist Anton Weyer, der um 1900 nach Beendigung seiner zweijährigen Dienstzeit dieses Foto zur Erinnerung fertigen ließ. Dazu erwarb er den bunten Öldruck mit einem Bilderreigen von Szenen aus dem Soldatenleben. Zu Hause konnte er so der staunenden Familie und vor allem auch sich selbst immer wieder vor Augen fuhren, welch aufregende, bedeutsame Zeit er in seiner fernen Garnisonstadt verbracht hatte.
Die finanzielle Beengtheit ließ es allerdings nicht zu, für den erworbenen Öldruck einen neuen, passenden Rahmen zu schaffen. Ein alter, bereits vorhandener Rahmen, obwohl etwas klein, mußte genügen; immerhin bekam man das Bild seitlich einigermaßen komplett hineingezwängt, die Höhe aber reichte nicht ganz, also mußte man den unteren Bildrand etwas beschneiden; ein hier rankender Lorbeer fiel der Schere zum Opfer. Für soviel ruhmvolle Erinnerung, wie der Öldruck sie vorführte, war in der kleinen Bauernstube denn doch kein Platz. Die tatsächlichen Lebensumstände waren andere, als das Erinnerungsbild sie vortäuschte.
Ein Erinnerungsbild in des Wortes eigentlicher Bedeutung war es im Grunde auch gar nicht. Den Kaiser Wilhelm II., der die Bildachse dominiert, oben als Reiter in Feldherrnpose, unten als Brustbild, hat Anton Weyer vermutlich nie selbst zu Gesicht bekommen, und wenn vielleicht doch, dann nur aus der Ferne, stramm stehend in Reih und Glied. Die räumliche und ideelle Nähe zwischen ihm und dem Monarchen, die das Bild vortäuscht, hat es in Wahrheit nie gegeben.
Und auch die vielen Szenen aus dem Soldatenleben sind nicht Abbildungen von individuell Erlebtem, sondern künstlerisch überhöhte Inszenierungen von dem, was Soldatenlieder als angebliches Soldatenleben besangen. Unter jeder Bildszene finden wir markige Sätze über dieses Soldatenleben, die das tatsächliche Leben unseres ehemaligen Rekruten Anton Weyer in Kaseme und Garnisonstadt idealisierend überhöhen. Mit diesem bunten Bilderreigen erinnert sich nicht jemand an das, was wirklich war, sondern er läßt sich von illusionierenden Kulissen umstellen, die ihn glauben machen wollen an den hehren Spruch, der eingebunden ist in das Eichenlaub, das unseren jungen Reservisten umkränzt:
"Gehorsam, Treue, Tapferkeit,
des deutschen Kriegers Ehrenkleid."
Schauen wir uns die einzelnen Bildszenen einmal genauer an.
Den oberen Teil des Öldruckes nimmt in ganzer Breite eine Schlachtenszenerie ein. Im Dunst des Horizonts erkennen wir nebulösen Pulverdampf, am linken Bildrand mit gezücktem Säbel im Galopp angreifende Husaren, anstürmend gegen eine nur schemenhaft graue feindliche Kavallerie. Im Zentrum und durch seine Größe hervorgehoben in Feldherrnpose der jugendliche Kaiser, den Blick ins Weite gerichtet, schwerwiegende, vor allem aber richtige, den Sieg garantierende Entschlüsse fassend, die der heranstürmende Meldereiter links von ihm als Befehl für die Truppe entgegennehmen wird. Der Kaiser auf dem Feldherrnhügel ist der alles überblickende ruhende Pol; in seinem Gefolge erkennt man die deutschen regierenden Fürsten, deren Pferde deutlich mehr Unruhe zeigen als das des Kaisers, so daß sie
eigentlich weniger als dessen Stützen, sondern eher als Schutzsuchende erscheinen.
Tote gibt es in diesem Schlachtenszenario nicht, sie wären zu wirklichkeitsnah, würden die Erhebung des Betrachters in eine heroische Phantasiewelt stören. Die gezückten Säbel der attackierenden Husaren garantieren, gleichsam unter den dirigierenden Augen des Kaisers, einen Sieg ohne Blut, eine gewonnene Schlacht ohne Tote.
Die ganze Emphase der Szenerie gipfelt in der Kaiserhymne (eine Nationalhymne in unserem Sinne gab es damals noch nicht), deren erste Zeilen wir im Halbkreis oben lesen:
"Heil Dir im Siegerkranz,
Herrscher des Vaterlands,
Heil Kaiser Dir!"
Das Soldatenleben der kaisertreuen Untertanen inszenieren nun die seitlichen Bilder. Wir wollen sie, von oben nach unten, der Reihe nach betrachten.
"Fern von dem Lieb' auf kalter Wacht" sehen wir da unseren gehorsamen, kaisertreuen und tapferen Reitersoldaten. Es ist mondhelle Nacht, aber in ihren Häusern können die "Lieben" beruhigt schlafen, denn draußen in heldenhafter Einsamkeit und trotz bitterer Kälte hält er Wacht, das Gewehr schußbereit auf seine Oberschenkel gestützt.
"Ja, Soldatenleben ist ein schönes Leben" verkündet das nächste Bild, und die dargestellte Szenerie, die den pubertierenden Wunschträumen eines Jünglings entstiegen sein könnte, macht diesen Satz scheinbar wahr. Es genügt offenbar, den Soldatenrock anzuziehen, und schon mutiert auch der weltunerfahrene junge Mann aus dem Dorf zu einem galanten und kecken Tänzer, dem die Herzen der schönen Damen nur so zufliegen. Nicht das Kommandogebrüll der Unteroffiziere auf dem Kasernenhof, nicht das Robben durch den Dreck macht das Leben des Soldaten aus, sondern die Gunst schöner Frauen.
"Das Roß macht den Reiter, drum halt ich es werth": Diesmal gibt der sinnreiche Spruch sich pädagogisch. Mit Striegel und Kardätsche sind die Kavalleriesoldaten zugange, um das Fell ihres Pferdes zu reinigen und zu bürsten, bis es glänzt. Einer bückt sich, um aus seinem Striegel die darin vergangenen Haare zu klopfen, was von seiner peinlichen Sorgfalt zeugt.
Auf dem nächsten Bild kann der stolze Soldat seinen staunenden Offizieren seine Reitkünste demonstrieren: "Ohne Bügel, ohne Zügel, immer sattelfest" fahrt er sein Pferd zum Sprung über die Mauer. Der kleine Gefreite als gefeierter Held: sich so zu sehen, weckt Stolz in der Brust.
Ernster und weihevoller geht es auf dem nächsten Bild zu: Die Szenerie zeigt pickelhaubige Soldaten, die unter den Augen den beiden Offiziere rechts in Paradeuniform und dem Regimentsgeistlichen im Hintergrund ihren Soldateneid auf die Regimentsfahne, deren Stange ihre linke Hand umfaßt, ablegen; die Rechte ist zur Bekräftigung der Eidesformel erhoben, die in der Bildunterschrift erneut ins Pflichtbewußtsein gerufen wird: "Getreu dem Eid, den ich geschworen".
Von dieser sakralen Weihestimmung fährt uns das nächste Bild wieder ins Schlachtgetümmel, Pulverdampf steigt auf im Hintergund, einer gibt gerade einen Schuß ab auf den Feind, der andere späht nach einem Ziel für seine Flinte. Aber auch hier bleibt es bei der leeren soldatischen Pose; ein Feind ist realiter nicht auszumachen, er bleibt nebulose Idee, was ihn zugleich austauschbar macht. Diesen schießbereiten Infanteristen muß man nur sagen, wer der Feind ist, und sie werden dann darauf schießen. Das Bild setzt ungewollt ein manipuliertes Bewußtsein in Szene.
Dargestellt werden nicht mehr vornehme Kavalleriesoldaten wie bisher, sondern einfache Infanteristen, die das Gros der Heeres ausmachten. Unser Andreas Weyer aus Stommeln war auch einer von ihnen, und es mag ihm denn doch nicht bei jedem Bild leichtgefallen sein, sich selbst in einem der sattelfesten Kavalleriesoldaten wiederzuerkennen. Aber die Bildunterschrift verspricht doch einen gewissen Trost der gleichrangigen Bedeutsamkeit: "Ich diene dem Kaiser zu Roß und zu Fuß."
Ritterlicher geht es wieder im nächsten Bild zu: "Wir schwingen die Lanze zu sicherem Stoß." Zwei andere im Hintergrund zücken die Säbel. Haben wir wenigstens hier eine Darstellung vor uns, die den tödlichen Ernst des soldatischen Kriegshandwerkes zeigt? Mitnichten. Das ganze erinnert eher an ein mittelalterliches Ritterturnier, man übt sich allerdings nicht vor den Augen adliger Damen wie die ritterlichen Vorfahren dereinst, sondern vor den kritischen Augen des ausbildenden Kavallerieoffiziers rechts im Bild. Auch dieses Bild ist eine romantische Verklärung.
Das nächste Bild verstehen wir wohl erst dann ganz richtig, wenn wir in ihm verschiedene Zeitstufen unterscheiden. Da haben sich unsere jungen Soldaten mit ihren Mädchen getroffen, der Wein floß, die jugendlichen Liebhaber prosteten dem Vater ihrer Bräute zu, aber dann erscheint der Herold und bläst die Trompete, die zu den Fahnen ruft, und unser tapferer und treuer Soldat setzt sich die abgelegte Pickelhaube wieder auf und nimmt Abschied von seiner Liebsten. Harte, kampfesmutige Männer und liebevolle weiche Damenherzen, kann es ein rührenderes Beieinander geben? Das Bild hat nicht eine Gefühlslage, es hat ihrer viele in buntem Gemenge: da ist die Hochgestimmtheit der sich zuprostenden Männer, der demütig-ergeben gesenkte Blick des Mädchens links, die soldatische Bestimmtheit des Trompeters, die männliche Entschlossenheit und die weiblich-liebevolle Besorgtheit der Abschiednehmenden.
Das Bild sagt in gewissem Sinne alles und nichts, es löst einander widersprechende Gefühlsregungen aus,
die sich überlagern und durch die der nüchtern unterscheidende Realitätsblick getrübt wird. Wir kennen dergleichen in ständiger Bewegung befindliche Gefühlspotpourris aus den filmischen Kitschfabriken unserer Tage.
Beim nächsten Bild scheint es auf den ersten Blick wieder richtig Ernst zu werden. Wir sind draußen im Feld, es ist sternklare Nacht, im Hintergrund Pferde mit umgehängten Hafersäcken und zwei Mannschaftszelte. Es ist bitter kalt, Soldaten im Vordergrund gruppieren sich um ein wärmendes Feuer, der stehende bringt gerade neues Holz herbei. Lagerromantik pur: "Im Lager, beim Feuer, da ruht es sich gut", verkündet die Bildunterschrift. Und dann kommt von rechts jemand mit einem Faß in der Hand. Bringt er etwa Bier oder gar Wein? Wandelt soldatischer Ernst sich bald um in die fröhliche Stimmung einer Open-air-Party? Natürlich nicht, aber so recht weiß man es nicht. Und der Betrachter soll und will es ja auch gar nicht so genau wissen, wie es ist, als Soldat ins Feld auszurücken.
Bei soviel Lagerromantik und soviel Liebesglück in der Garnisonstadt muß der Abschied von der Dienstzeit schwerfallen. Aber bei genauerem Hinschauen sind es eigentlich nur die Frauen, die trauern, mit dem Taschentuch die Abschiedstränen abwischen oder ihren soldatischen Freund, den sie vielleicht nie mehr wiedersehen, ein letztes Mal liebevoll umarmen. Ihre soldatischen Freunde wirken seltsam linkisch und steif; ist es der Abschiedsschmerz, der sie so steif werden läßt? Vielleicht zeigen sie nur deshalb keine Gefühle, weil sich das für einen Mann nicht schickt, erst recht nicht für einen, der gedient hat. Vielleicht aber sind sie in Gedanken bei ihren hüteschwenkenden und aus stolzen Kehlen von ihrem Soldatenleben singenden Kameraden, vielleicht würden sie am liebsten in diesen Gesang einstimmen, um ganz ihren Reservistenstolz genießen zu können: "Wir war'n Soldaten, waren's gerne!",
heißt es in der Bildunterschrift, und die heimkehrenden Reservisten werden zu Hause mit Stolz in der
Stimme von ihrem Regiment und ihrer Gamisonstadt und ihren soldatischen Heldentaten berichten.
Wenden wir uns nun wieder der Mittelachse des Bildes zu mit dem Foto unseres Anton Weyer aus Stommeln - dem einzig Echten, Wirklichkeitsnahen in dem Ganzen, möchte man sagen. Aber ist das wirklich der kleine Bauernsohn aus Stommeln, der da den Feldherrnblick ins Weite probt, mit leicht erhobenem Kopf, damit dem betrachtenden Gegenüber seine eigene Unterlegenheit suggeriert wird? Es ist eher eine theatralische Inszenierung, eine Verkleidung, in der man den echten, noch sehr jungenhaft-unfertigen Anton Weyer suchen muß. Die Uniform, die weißen Handschule in der Rechten, das Portepee und der Degen in der Linken: es mutet an wie Theaterstaffage. Und dann ist da noch der trutzig aufgerichtete Schnurrbart, der nicht recht ins knabenhafte Gesicht paßt, und der uns doch so wohlvertraut vorkommt. Ein Blick auf das Brustbild Kaiser Wilhelms ganz unten genügt: Jawohl, das ist kaiserliche Barttracht,
soviel hat unser Anton gelernt; diesem Kaiser hat er gedient, und durch diesen Dienst ist er selbst ein Teil von dessen Macht geworden; seine Identität nimmt kaiserliche Züge an - nicht in der ernüchternden Realität, aber in der entzündeten Phantasie.
Mit der Germania-Figur unter ihm und dem Brustbild Kaiser Wilhelms II., das diese Germania in einer Spiegelkartusche dem Betrachter vorhält, bildet der Stommelner Anton ein etwas ungleiches Trifolium. Die Germania mit schulterlang wollendem Haar, bekränzt mit urdeutschem Eichenlaub, um die Schultern ein Purpurmantel, innen mit Goldbrokat gefüttert, sich mit der Linken stützend auf ein mächtiges Schwert, schaut sinnend in die Ferne. Der kaiserliche Monarch aber nimmt den Betrachter fest ins Visier; diesen Blick, der sein Gegenüber fest fixiert, hat Wilhelm II., um innere Unsicherheiten zu überdecken, sich in jahrelanger Mühe antrainiert. Die pompöse Theatralik, noch verstärkt durch das zur Schau gestellte bunte Geflimmer der zahlreichen Orden auf dem Bruststück seiner Paradeuniform, machen deutlich: Auch er, auch der Kaiser spielt hier eine Rolle, auch er ist nicht einfach er selbst, sondern er repräsentiert die Macht und Größe Germanias, des neuen Deutschen Reiches. Auf dem Purpurkissen vor ihm liegen die Insignien der Macht: der Reichsapfel, Zepter und Feldherrnstab, und die gemeinsame Farbe von Reichsapfel und Feldherrnstab macht deutlich, daß dieses neue Reich auf den Schlachtfeldern in Frankreich erkämpft worden ist. Insgesamt ist das keine friedliche Inszenierung, sondern eine Inszenierung von selbstbetrügerischem Größenwahn.
Inmitten von all dem nun unser Anton Weyer aus Stommeln, dem allein unser letztes Bild gewidmet ist. Er selbst steht noch einmal vor uns, oder doch nicht ganz er selbst. Er trägt Uniform, die seinen Dienst am großen Ganzen zeigt, er wirft sich in kaiserliche Pose, trägt kaiserliche Barttracht, die seinen knabenhaft-unfertigen Gesichtszügen Männlichkeit verleihen soll. Sich selbst zu finden, ein Bewußtsein zu entwickeln, das die eigene Lebenssituation realistisch reflektiert, wurde dieser Generation schwergemacht. Das Foto ist Sinnbild einer unfreien, undemokratischen Zeit, wo nur das große Ganze zählte, dem der Einzelne sich zu unterwerfen hatte. Die militärische Dienstzeit war die Schule der Nation, wo ein junger Mann das zu lernen hatte.
Zu Hause war Anton Weyer als Reservist natürlich Mitglied im Stommelner Kriegerverein, bei dessen Aufmärschen und Gedenkfeiern am Kriegerdenkmal auf dem Friedhof das militärische Zeremoniell und pompöse Gehabe in Gestik und Rede immer wieder erneuert und in die Dorfgemeinschaft getragen wurde.
Haben wir uns mit unseren Überlegungen über den jungen Anton Weyer lustig gemacht und uns dabei eine unangebrachte Überheblichkeit zuschulden kommen lassen? Ich hoffe nicht. Anton Weyer war, wie wir selbst, ein Kind seiner Zeit; diese steckte die Grenzen seiner Lebens- und Denkmöglichkeiten ab. Nicht Anton Weyer als einzelne Person
ist Gegenstand unserer Überlegungen, sondern die an seinem Beispiel erkennbar werdende Enge des dörflichen Bewußtseins um 1900 und die dadurch erleichterte Beeinflussung des politischen Denkens im Sinne des wilhelminisch-monarchischen Obrigkeitsstaates. Hinter der farbig-bunten Oberfläche des Öldrucks wird dem nachdenkenden Fragen der Mangel an geistiger Freiheit des einzelnen erkennbar, wird deutlich, daß der Weg zu einer demokratischen Gesellschaft damals noch weit war.
Unser Anton Weyer, sobald er die Uniform anlegte, fühlte sich nicht mehr nur als Stommelner, sondern vor allem als Deutscher, und das gab ihm in seinen Augen eine viel größere Bedeutsamkeit. Dieses gesamtstaatliche politische Bewußtsein basierte aber auf kriegerisch-militärischen Erfahrungen und Wertmustern, die der Herausbildung eines demokratischen und friedfertigen Gemeinwesens in Deutschland entgegenstanden.
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