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  | Hermann Spies aus Rommerskirchen: Domkapellmeister in Salzburg 1892–1920 |
In Band 145 der „Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde“ ist 2005 ein umfangreicher Aufsatz von Wilhelm Lauth erschienen mit dem Titel „Hermann Spies. Ein Salzburger Domkapellmeister aus dem Rheinland“ (S. 299–338). Das ist Anlaß für uns, an diesen berühmten Sohn des rheinischen Rommerskirchen, der Nachbargemeinde Pulheims, zu erinnern. Bis ins Alter blieb Spies seinem Geburtsort Rommerskirchen eng verbunden. Der Kölner Lokal-Anzeiger berichtete am 5. August 1930 über sein vierzigjähriges Priesterjubiläum, das er in seiner Heimat feierte: 40jähriges Priesterjubiläum Aus Rommerskirchen berichtet man: Am Sonntag konnte ein Sohn unserer Gemeinde, Herr Hermann Spies, sein 40jähriges Priesterjubiläum begehen. Seit mehr als 30 Jahren weilt er in Salzburg, wo er am Dom die Stelle eines Geistlichen Rats bekleidet. Lange Jahre leitete er als Domkapellmeister den Salzburger Domchor. Eine Reihe Messen hat er komponiert und sich auch schriftstellerisch betätigt. Bekannt ist seine Arbeit über das Salzburger Münster und die alte Salzburger Domorgel. Jährlich verbringt der Jubilar seine Ferien auf der Gillbach in seinem geliebten Heimatort Rommerskirchen. Quelle: Josef Wißkirchen: Lokalteil Stommeln und Umgebung 1918–1939. Tagebuch des Stommelner Zeitungsagenten Lorenz Simon; als PDF-Download im Ordner THESAURUS dieser Homepage verfügbar
Eine enge Freundschaft verband Hermann Spies mit dem Musikwissenschaftler, Kunsthistoriker, Haydn-Forscher und Universitätsbibliothekar in Wien Dr. Alfred Schnerich (1859–1944). Gegen Reformbestrebungen radikaler „Cäcilianer“, die in der Kirchenmusik eine Rückbesinnung auf den a cappella-Stil Palestrinas verlangten, pflegte er mit seinem Salzburger Domchor die instrumentale klassische Kirchenmusik und feierte damit große Erfolge. Hierin wußte er sich mit seinem Freund Alfred Schnerich einig, der offenbar ein Förderer der Salzburger klassischen Kirchenmusik war. Von einem Sammler in Salzburg sind uns zwei Scans von einer Karte zur Verfügung gestellt worden, die wir weiter unten abbilden und deren Inhalt erst auf dem Hintergrund dieses kirchenmusikalischen Richtungsstreites ganz zu verstehen ist. Begeistert schreibt Spies in dieser am 2. Juli 1912 in Salzburg aufgegebenen Karte über eine zweite Aufführung der „Heiligmesse“ (auch „Paukenmesse“ genannt) von Joseph Haydn, eine große Messe für Solisten, Chor, Orchester und Orgel. Die Aufführung fand „absente Cardinale“ statt, also in Abwesenheit des Kardinals aus Brixen (der möglicherweise cäcilianisch dachte und deshalb fehlte?). Von seinem Bibliothekar-Freund erbittet er sich zugleich ein Exemplar der „Harmoniemesse“. Haydns letzter großer Messe für Solisten, Chor, Orchester und Orgel. Und dann berichtet er von der bevorstehenden Aufführung einer eigenen Messe und Litanei in Innsbruck.


Wortlaut der Postkarte:
Hochwürdigen Herrn Dr. A. Schnerich K.K. Ober-Bibliothekar
Sonntag, den 30. Juni [1912] absente Cardinale (Brixen) zum 2. Male die Heilig- messe. Leute wie gebannt an die Kirchenstühle! Senden Sie mir durch die K. Studienbibliothek hier die Harmoniemesse. Sonntag den 14. muss ich in der Jacobikir- che in Innsbruck meine Messe dirigieren, ebenso die Litanei. Herr Franck aus Raab muss mich dann hier ver- treten. – Meine besten Wünsche zur Erhebung zum Ober- Bibliothekarius. Sie sind nun ein geldkräftiger Herr geworden, der die Kunst in St. Peter noch mehr begünstigen wird. Heil und Segen! Mit freundl. Grüssen an Sie und an die Herren und Damen von St. Peter Hermann Spies, Domkapellmeister Salzburg (Nonnberg) den 2. Juli 1912
Die Karte ist ein kleiner Mosaikstein in einem umfassenden musikgeschichtlichen Kontext.
Hinweis an die Besucher unserer Internetseite: Sollten Sie über irgendwelche Unterlagen von Hermann Spies verfügen, bitten wir um Nachricht. Wir würden dann den Kontakt vermitteln zu jenem Herrn aus Salzburg, der uns die Scans von der abgebildeten Karte zur Verfügung gestellt hat und sich mit der Thematik näher beschäftigt.
JW
(9/26/06)
  | Gertrud Koch: „Edelweiß“ oder „Piratenschwarz“? |
In Köln gehört Gertrud Koch seit einigen Jahren zu den Ikonen der „Edelweißpiraten“. In ihrem Buch „Edelweiß“ stilisiert sie sich als jugendliche Widerstandskämpferin. Dazu erfindet sie zahlreiche Geschichten, die sich bei näherem Hinsehen als unwahr erweisen. Frau Koch scheut auch nicht davor zurück, mit Judenverfolgung und Holocaust ihr Spiel zu treiben, um – zusammen mit ihrer Mutter – als jugendliche Widerstandskämpferin zu erscheinen.
 Gertrud Koch
Auf S. 57 ihres Buches liest man, daß sie mit ihrer Mutter nach der Verhaftung des Vaters im August 1935 (so S. 56, auf S. 65 wird er bereits im April 1934 entlassen!) bei der Fürsorgestelle um eine Mietbeihilfe nachgesucht, die Fürsorgerin sie aber harsch abgewiesen habe: „Lasst euch doch von den Juden unterstützen.“ Völlig unmotiviert und ohne jeden Zusammenhang steht die Aussage da, glaubwürdig ist sie deshalb nicht – aber, und das ist die Absicht, sie macht die Zurückgewiesenen zu Freunden von Juden.
Auf S. 58 will die Verfasserin 1935 in der Görresstraße, wo sie wohnte, „schwere Holzkisten von Hapag Lloyd auf der Straße“ gesehen haben, mit denen Juden „ihr Hab und Gut nach Amerika verschiffen wollten“. Kommentarlos und offensichtlich zustimmend zitiert sie den Vater, der „über das Verhalten der reichen Juden geschimpft“ hat: „Die nehmen nur Möbel mit … Warum nehmen sie keine armen Juden mit? Die wissen doch, was denen hier blüht.“ Die Verfasserin weiß offenbar nicht, daß Juden ihr Vermögen gerade nicht ins Ausland transferieren konnten, sondern daß der Staat es zu immer höheren Prozentsätzen über die „Reichsfluchtsteuer“ und andere Bestimmungen an sich riß; sie weiß auch nicht, daß ausreisewillige Juden verzweifelt nach einer Einreisegenehmigung in ein anderes Land nachsuchten. Das, was die Verfasserin 1935 auf der Görresstraße gesehen haben will, hat es so nie gegeben. Schlimmer als das Nichtwissen und die Fehlinformation ist jedoch, daß in ihrer Äußerung antisemitische Vorstellungen vom reichen, geldgierigen, kaltherzigen Juden rumoren, die sich nicht verbergen lassen. Die angebliche Judenfreundin verlagert die Schuld zu einem erheblichen Teil auf die Juden selbst.
Musikdirektor Julio Goslar Schlimmer noch ist es, wenn Gertrud Koch sich damit brüstet, ihre Mutter habe geholfen, einem verfolgten Juden das Leben zu retten. Auf S. 70f. erzählt sie von dem konvertierten evangelischen Kirchenmusiker Julio Goslar, der als „Volljude“ 1934 aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen worden sei. Er wurde als Organist an der Lutherkirche in Nippes entlassen.
Gertrud Koch schreibt:
„Goslar wurde 1936 Zwangsarbeiter in der ‚Judenkolonne’ Köln, durfte aber aufgrund von Protesten immer wieder in seiner Gemeinde arbeiten – und auch den Arbeitergesangverein leiten (zu dem die Mutter auch nach Kriegsbeginn noch hingegangen sei). Meine Mutter versteckte Goslar eine Zeit lang bei uns in der Wohnung. Jeden Abend kam er zum Essen und zum Schlafen, manchmal übernachtete er aus Sicherheitsgründen im Keller. Aber weil unsere Wohnung wegen der illegalen Arbeit meines Vaters immer häufiger durchsucht wurde, wurde es für Goslar bei uns zu gefährlich. Wir brachten ihn in unserem Schrebergarten unter, schließlich bei Bauern in Poll. Diesen Unterschlupf hatten meine Großeltern väterlicherseits aufgetan. Später halfen ihm andere mutige Menschen zu überleben.“
Man reibt sich die Augen ob offensichtlichen Widersinns: Wieso versteckte Goslar sich, wenn er gleichzeitig in seiner Gemeinde arbeitete und den Gesangverein leitete? Goslar hatte Frau und Kind, was war mit denen? Wieso konnte er sich als Chorleiter betätigen, wenn er aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen war? In der evangelischen Gemeinde in Nippes arbeitete er nach seiner Entlassung zwar vorübergehend, aber nur als Hilfskraft im Gemeindebüro, mit Judenstern am Jackett, nicht als Organist! In den zwanziger Jahren hatte er den großen Volkschor geleitet, wo aber nicht, wie die Verfasserin suggeriert, Fahrtenlieder gesungen wurden, sondern große Oratorien einstudiert und mit großem Erfolg aufgeführt wurden. In der Nazizeit war damit Schluß, die Mutter konnte nach Kriegsbeginn gar nicht mehr in Proben dieses Chores gehen, um dort Goslar zu treffen und ihn zu verstecken.
Goslar wohnte mit Frau und Sohn in die Siebachstraße 87 in Nippes. Vom öffentlichen Musikleben Kölns war er seit 1936 völlig ausgeschlossen, er verdiente sich nur noch durch private Klavierstunden in seiner Wohnung etwas Geld und wurde schließlich zur Zwangsarbeit in einer „Judenkolonne“ herangezogen.
 Schrift über Julio Goslar von Hans Prolingheuer
All das kann man nachlesen in der 1981 erschienenen Schrift von Hans Prolingheuer, „Die judenreine deutsche evangelische Kirchenmusik, dargestellt am Schicksal des Kölner Musikdirektor Julio Goslar im Dritten Reich“.
Dort kann man auf S. 22 lesen, wie Julio Goslar überlebte:
„Durch den schweren Bombenangriff im Mai 1943 verliert Familie Goslar Wohnung und Habe. Vorübergehend findet sie Obdach bei Familie August Waimann in der Niehler Straße 149 und bei Gemeindeamtsleiter Fritz Fuchs in der Stammheimer Str. 12 – bis sich die ‚Endlöser der Judenfrage’ der Familie Goslar annehmen: die Kölner Gestapo pfercht sie – zusammen mit anderen jüdischen Familien – in eine ihrer berüchtigten Auffangwohnungen Ecke Zülpicher Straße/Universitätsstraße. Als Sohn Hans Günter zum Einsatz am Westwall abkommandiert ist, flüchtet das Ehepaar Goslar während eines Bombengriffs im Juli 1944 in den Untergrund.
Bis Ende 1944 versteckt und pflegt das katholische Ehepaar Schieffer die Flüchtlinge auf seinem Bauernhof in Feldkassel, einem Rheindorf, im Kölner Norden gelegen. Die letzten Monate des ‚Tausendjährigen Reiches’ finden Christel und Julio Goslar Unterschlupf in einer Kammer der Wohnung des Katholiken Andreas Breuer in der Nippeser Siebachstraße 86, gegenüber ihrer zerstörten früheren Wohnung – nur wenige Meter von der Lutherkirche der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Nippes. Für die Verpflegung der Untergetauchten sorgt das evangelische Ehepaar Hulda und Heinrich Fortmann, die nebenan ein kleines Geschäft betreiben.
Dank der lebensgefährlichen Hilfeleistungen dieser Handvoll Frauen und Männer überleben die Goslars den Holocaust.“
Fazit: Frau Koch schmückt sich und ihre Mutter unanständigerweise mit Verdiensten, die anderen zustehen.
Reichspogromnacht 1938 Auf S. 61 macht Gertrud Koch sich zur Augenzeugin in der Reichspogromnacht. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatte sie sich mit ihrer Mutter in der Roonstraße hinter einem Gebüsch just gegenüber der Synagoge versteckt, und zwar so, daß sie selbst, trotz der Nachtdunkelheit, alles sehen konnten, die anderen sie aber nicht. Wörtlich heißt es dann:
„Plötzlich erschien Max Hilgenstock mit drei oder vier Männern auf der großen Kuppel der Synagoge. Max Hilgenstock war unser Nachbar. Er wohnte in der Görresstraße im Erdgeschoss. Wir wussten nicht viel vom ihm, nur dass sein Vater einen hohen Posten beim Kölner Gericht bekleidete. ‚Das darf nicht wahr sein', sagte meine Mutter. ‚Will der etwa den Davidstern von der Synagoge holen?’ Und tatsächlich: Waghalsig kletterte unser Nachbar zum obersten Kuppelrand, um den Stern von der Synagoge abzumontieren und auf die Straße zu werfen.“
 Synagoge in der Roonstraße
Offensichtlich hatte der junge Mann den passenden Schlüssel und einen Schraubenzieher mitgenommen und verfügte auch über die Kräfte eines Supermanns, um den zentnerschweren Davidstern „abzumontieren“. Als er wieder auf den Rathenauplatz vor der Synagoge herunterkam, trat die Mutter, Versteckspiel hin oder her, aus dem Gebüsch und ihm in den Weg und leistete Widerstand: „Max, was machst du denn da? Das ist doch eine Schweinerei.“ Und um die Gefährlichkeit dieses mutigen Verhaltens unter Beweis zu stellen, entgegnet Max Hilgenstock in einer dem Versteckspiel angemessenen Weise: „Wenn du nicht das Maul hältst, dann verrate ich dich.“
Was wirklich mit dem Davidstern der Synagoge in der Roonstraße geschah, und zwar nicht in der Nacht vom 9. auf den 10. November, sondern am Mittag des Tages danach, schildert eindrucksvoll Theo Burauen, Kölns ehemaliger Oberbürgermeister, in dem Sammelband „’… vergessen kann man die Zeit nicht, das ist nicht möglich…’ Kölner erinnern sich an die Jahre 1929–1945“, Köln 1987:
„Als mich am Morgen nach der ‚Kristallnacht’ mein gewohnter Weg zur damaligen Arbeitsstätte an der Synagoge in der Roonstraße vorbeiführte, stand dort eine wildschreiende und gestikulierende Menge.
Übernächtigte, verdreckte Gestalten, mit und ohne SA-Uniform, berieten, sich in Großmäuligkeit gegenseitig überbietend, wie man wohl am besten den Davidstern von der Kuppel herunterholen könne. (…) In der Mittagspause kam ich wieder dort vorbei. Es waren die letzten Minuten des Triumphes angebrochen.
Oben sägten Männer am eisernen Gestänge des Sterns. Unten zogen andere an einem langen Seil. Dann kam ein Aufschrei! Kratzend und polternd rutschte und schlug das Symbol des Gotteshauses über die Kuppel und an der Fassade des Gebäudes herunter auf die Straße. Und dann begann der Veitstanz jener vertierten, entwurzelten Kreaturen ob ihres vermeintlichen Sieges.“
Nach diesem unter die Haut gehenden Augenzeugenbericht Burauens wollen wir Gertrud Kochs Buch nicht mehr anrühren und uns nicht ihrem Katastrophenvoyeurismus anschließen [„Lass uns noch zur Schildergasse gehen, sagte (meine Mutter). Dort haben viele Juden ihre Geschäfte. Wahrscheinlich sieht es dort schlimm aus.“] Es ist genug für diesmal.
Nur ein Nachsatz sei noch erlaubt: In Köln gibt es intensive Bestrebungen, für Gertrud Koch die Ehrenbürgerschaft zu erwirken.
Josef Wißkirchen Cäcilienstr. 2a 50259 Pulheim
(9/22/06)
  | Gertrud Koch, "Edelweiß": kritische Fragen |
Am 3. Mai 2006 stellte der Kölner Stadt-Anzeiger in einer Kurzbesprechung das Buch „Edelweiß – mein Leben als Widerstandskämpferin“ von Gertrud Koch vor. Darin heißt es u. a.: „Auf das Bild von Josef Hoegen hat sie gespuckt, als sie es in einer Ausstellung im EL-DE-Haus zur Erinnerung an verbotene Jugendkultur zur Nazizeit gesehen hat: Gertrud Koch hat auch nach 60 Jahren nicht vergessen, mit welcher Brutalität Hoegen und seine Nazi-Schergen die Namen weiterer junger Widerstandskämpfer aus ihr herauszuprügeln versuchten, damals, als sie als Mitglied der Edelweiß-Bewegung verhaftet worden war.“

Mit wohlwollender Mitwirkung der Kölner Medien ist in der Stadt seit langem eine faktenresistente Legendenbildung um den Komplex „Edelweißpiraten“ im Gange, zu dem Gertrud Kochs Erinnerungen noch eine weitere Facette hinzufügen. Ist das Buch glaubwürdig? Eine öffentliche Diskussion, die endlich einmal die Forschungsergebnisse ernstzunehmender Historiker zur Kenntnis nimmt, wäre dringend erforderlich. Ein Leserbrief, am 8. Mai 2006 an den Kölner Stadt-Anzeiger gerichtet, wurde nicht veröffentlicht. Die Zeitung will sich offenbar nicht unbeliebt machen in der Kölner Szene. Wir veröffentlichen deshalb diesen unterdrückten Leserbrief ungekürzt und unverändert.
Leserbrief Die Kurzbesprechung von Gertrud Kochs „Edelweiß – mein Leben als Widerstandskämpferin“ in der Ausgabe des KStA vom 3.5.2006 („Mit Mut gegen die Diktatur“) veranlaßte mich zum Kauf und zur Lektüre des Buches. Die Hoffnung auf authentische Informationen wurde enttäuscht. Im Mittelpunkt stehen Schilderungen der brutalen Gestapoverhöre der Verfasserin in der Zeit zwischen November 1942 und Oktober 1943 im EL-DE-Haus und vor allem im Gestapogefängnis Brauweiler durch Josef Hoegen. Ein ganzes Bündel an Ungereimtheiten tut sich da auf:
1. Hoegen wurde erst am 1. Oktober 1943 von der Kölner Gestapo erneut eingestellt. Wegen eines Wirtschaftsvergehens war er 1941 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, vom Dienst bei der Gestapo suspendiert und 1942 aus der NSDAP ausgeschlossen worden. Zur erneuten „Bewährung“ kam er zur Einsatzgruppe B nach Smolensk und kehrte nach einer Verletzung im Oktober 1942 zu deren Ausheilung nach Köln zurück. Wegen „Personalmangels“ wurde er dann am 1. Oktober 1943 wieder bei der Gestapo eingestellt. Für die Verhöre in der von der Verfasserin genannten Zeitspanne kommt er also gar nicht in Frage.
2. Hoegen war nach seiner Wiedereinstellung nicht für Edelweißpiraten zuständig, wohl aber 1944 für die Ehrenfelder Steinbrück-Gruppe, die jedoch, trotz aller falschen Legendenbildung in Köln, nichts mit der Bewegung der Edelweißpiraten zu tun hat.
3. In den Brauweiler Listen der verhafteten Edelweißpiraten taucht die Verfasserin mit ihrem Mädchennamen „Kühlem“ nicht auf.
4. Im Hoegen-Prozeß 1949 in Köln tritt die Verfasserin nicht als Zeugin auf. Warum?
Auf S. 155 schreibt die Verfasserin aus der Sicht des Jahres 1942, daß Bartholomäus Schink, „ein Junge aus der Ehrenfelder Gruppe“, „auch das eine oder andere Mal bei uns Schmiere gestanden“ habe. Schink war damals 14 Jahre alt und war vom „Jungvolk“ gerade in die „HJ“ gewechselt, wo er seinen „Dienst“ versah. Zu einer kurzzeitigen und vorübergehenden Berührung mit Ehrenfelder Edelweißpiraten kam es erst 1944 durch die Bekanntschaft mit Franz Rheinberger, den er nach dessen Entlassung aus der Fürsorgeanstalt Dormagen (9.12.1943) kennenlernte. Auch hier passen die Zeitdaten nicht zusammen.
Wie kann ein Buch Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen, wenn es in zentralen Informationen nicht mit den historischen Fakten übereinstimmt?
Josef Wißkirchen Cäcilienstr. 2a 50259 Pulheim-Stommeln
(9/01/06)
  | Taufbecken von 1868 in der Pulheimer kath. Pfarrkirche |
Seit dem Frühjahr 2006 steht der aus dem Jahr 1868 stammende alte Taufstein der Pulheimer kath. Pfarrkirche St. Kosmas und Damian in der Südwestecke des modernen Versammlungsraumes. Es dient zur Aufbewahrung des in der Osternacht geweihten Taufwassers und zum Auffangen jenes frischen Wassers, mit dem ein Täufling über diesem Becken getauft wird. Es stand bisher offen im nördlichen Seitenschiff des Altteils der Kirche. Die Haube war jahrzehntelang verschollen. Als sie im vergangenen Jahr, bis zur Unansehnlichkeit korrodiert, wieder aufgefunden wurde, veranlaßte Pfarrer Ludwikowski ihre mühevolle Reinigung mit Hilfe tatkräftiger Mitglieder der Pfarrgemeinde und gab dem nunmehr wieder kompletten Taufstein seinen neuen Platz.
 Pulheimer Taufbecken von 1868
Auf einer oktogonalen (achteckigen) Basis stehen vier kleine romanische Säulen, die den ebenfalls oktogonalen Taufstein mit innen rundem Becken tragen. Diese vierfach gebündelte Säule erinnert zeichenhaft an die vier Flüsse des Paradieses, die nach Genesis 2,10–14 einer Quelle entspringen, sich in die vier Windrichtungen verteilen und den Garten Eden bewässern. Lateinisch wird das Taufbecken als „fons“ bezeichnet, d. h. als „Quelle“, die von der Ursünde reinigt und den Getauften aufnimmt in das neue, „paradiesische“ Leben in der Gemeinschaft mit Christus. Die Form macht symbolisch aus dem Taufstein eine Paradiesesquelle.
Die oktogonale Form der Basis und des Beckens ist ebenfalls symbolisch begründet. Den von Salomo erbauten Tempel in Jerusalem stellte man sich als kuppelbekrönten oktogonalen Zentralbau vor. Jesu Weissagung von der Zerstörung dieses Tempels und seine Zusage, ihn durch sein Leiden „in drei Tagen“ wieder aufzubauen, machte den achteckigen Salomontempel zu einem christlichen Symbol des „Himmlischen Jerusalems“, des neuen, ewigen Paradieses.
Die von König Theoderich im 6. Jahrhundert in Ravenna errichtete Kirche S. Vitale holte die oktogonale Form des Himmlischen Jerusalems aus dem Orient in den Okzident nach Oberitalien und Karl der Große schließlich holte sie nach Theoderichs Vorbild mit dem Bau seiner Pfalzkapelle in Aachen, dem Kern des heutigen Domes, in unser Land. Die achteckige Form des Taufbeckens weist das darin aufbewahrte Wasser aus als das lebendige Wasser des Paradieses, das neues Leben spendet.
Die Haube ist dem Deckel eines Ziboriums nachgebildet, d.h. eines Kelches, in dem das Allerheiligste (geweihte Hostien) verwahrt wird. Hieraus ergeben sich weitere Verweisungsbezüge auf den Kern der christlichen Botschaft, die sich in der Gestalt des Taufsteins widerspiegeln.
Der Taufstein aus belgischem Granit ist eine handwerklich solide Arbeit des Kölner Bildhauers W. Holz. Die acht Wangenfelder des Beckens schließen oben mit einem Rundbogenfries und seitlich mit Ecklisenen ab. Der Steinmetz übernimmt damit Bauformen von Turm und Obergadenzone der alten Kirche. Die vertieften Felder sind roh behauen, also nicht poliert, so daß sie sich hell absetzen von dem dunklen polierten Stein.
Die Messinghaube schuf der Kölner Kupferschmied Welmans. Sie ist schlicht und ohne künstlerischen Anspruch, wirkt aber wegen der spiegelbildlichen Übernahme der Form des Taufsteins ausgewogen. Der in zwei Rundwulste eingefaßte Basisstreifen der Haube trägt die umlaufende Inschrift:
+ VNDA ORIGINIS PECCATVM LAVACRANS + Das Partizip „lavacrans“ ist wohl als Wortneuschöpfung des damaligen Pulheimer Pfarrers Weyer anzusehen, der dem alten Brauch, in der Inschrift ein Chronogramm unterzubringen, gerecht werden wollte und deshalb nach geeigneten Worten suchte. Um die erforderlichen Buchstaben mit lateinischem Zahlenwert zu erhalten, hat er von dem Substantiv „lavacrum“ (= Bad), ihm vor allem bekannt in der Wortfügung „lavacrum baptismi“ (Bad der Taufe), ein neues Verb „lavacrare“ abgeleitet, das etwa mit „abwaschen, reinigen“ zu übersetzen wäre. Frei übertragen bedeutet die Inschrift also: „ Taufwasser, das die Ursünde abwäscht.“
Der Neologismus des Pfarrers Weyer stellt jedenfalls sicher, daß die römischen Zahlenbuchstaben zusammen die Datierung „1868“ ergeben.
JW
(9/01/06)
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