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Newsarchiv

Juli 2009

Insassen der Arbeitsanstalt Brauweiler bauten die erste Talsperre im Bergischen Land

Das Bergische Land ist reich an Flüssen und Bächen. Seit dem Mittelalter trieben sie die Wasserräder von Frucht-, Öl-, Walk-, Knochen- und Lohmühlen oder auch von Schleifkotten an. Mit der Industrialisierung kamen Textil- und Metallfabriken in die Täler, und der Bedarf an Brauch- und Trinkwasser stieg. Zwölf Talsperren entstanden, in deren Fluten ganze Höfe, Mühlen und Dörfer verschwanden. Heute sind diese Talsperren die Touristenmagneten des Naturparks Bergisches Land.



Blick auf den Untersee der Diepentaler Talsperre


Angefangen hat diese Entwicklung in dem Grenzgebiet der Städte Leverkusen-Pattscheid, Leichlingen und Burscheid.1902 bis 1908 erbaute August Halbach hier im Tal des Murbachs, eines linken Nebenflusses der Wupper, die Diepentaler Talsperre, bestehend aus einem oberen und einem unteren Stausee, die durch einen ehemaligen Fahrweg getrennt, über einen Durchstich aber miteinander verbunden sind. Halbach war ein Zugezogener und hatte 1897 das erforderliche Land gekauft. Sein Ziel war, mit Wasserkraft Strom zu erzeugen, und bis heute noch soll die alte Anlage Strom produzieren und ins öffentliche Netz einspeichern. Er ließ einen zehn Meter hohen Damm errichten, sodass ein neun Hektar großer Stausee entstand, der u. a. eine alte Getreidemühle überflutete, deren Reste man noch lange bei Niedrigwasser am Grund des Sees erkennen konnte.



Schleuse zur Regulierung des Wasserstandes





Unterhalb desStaudammes


Erbauen ließ er die Talsperre durch Insassen der Arbeitsanstalt Brauweiler. Sie waren eine billige Arbeitskraft. In großer Zahl rückten sie, von Wachbeamten begleitet, an, errichteten ihre Barackenunterkünfte und machten sich mit Spitzhacke, Schaufel und Schubkarre an die schwere Arbeit. Genauere Informationen über die Bauphase liegen bisher nicht vor. Für einen interessierten Historiker aber liegen aussagekräftige Quellen für eine aufschlussreiche industrie- und sozialgeschichtliche Studie bereit: im Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland und im Archiv der Familie Halbach, die nach wie vor im Besitz der Talsperre ist. Nicht zuletzt verfügt das Privatarchiv der Familie auch über interessante historische Fotos. Aus Brauweiler Sicht wäre eine Bearbeitung dieses Themas sehr wünschenswert, weil man genauere Aufschlüsse über die Lebensumstände der Insassen der ehemaligen Arbeitsanstalt Brauweiler, die einmal prägend war für den ganzen Ort, erwarten kann.



Blick über den Obersee auf Haus Diepental


Heute ist die kleine, in einem schönen Tal gelegene Diepentaler Talsperre ein beliebtes Naherholungsgebiet, das Wochenendbesucher zum Wandern, Spazieren, Ruderbootfahren, Minigolfspielen oder zum Besuch des Café-Restaurants Haus Diepental mit Blick auf den See einlädt; Camper finden hier in idyllischer Landschaft und unmittelbar am Wasser einen gepflegten Campingplatz mit Schwimmbad („Waldquellenbad“).



Man sitzt unter schattigen Bäumen auf der Seeterrasse vor Haus Diepental


JW


(7/12/09)

Aus der Baugeschichte von St. Kosmas und Damian in Pulheim

Die katholische Pfarrkirche in Pulheim blickt auf tausend Jahre Baugeschichte zurück. Aus einer kleinen turmlosen Saalkirche entstand in Mittelalter und früher Neuzeit eine dreischiffige Basilika mit einem reich gegliederten, sehr schönen spätromanischen Westturm aus dem 12./13. Jahrhundert. Die erhaltene abgebildete Bauzeichnung aus dem Jahr 1882 zeigt sie uns in der damaligen Gestalt.



St. Kosmas und Damian im 19. Jahrhundert


1885 wurde diese historisch gewachsene Kirche durch einen großen Erweiterungsbau im neuromanischen Stil nach Plänen von August Lange und Franz Schmitz erheblich vergrößert. Der Chor wurde abgerissen und dem Langschiff ein breites Querhaus und ein neuer Chor mit Rundapsis vorgelagert, so dass der Grundriss die Form eines Kreuzes annahm, dessen Schnittpunkt als axial gestrecktes Achteck ausgebildet war, über dem sich eine mächtige Kuppel wölbte.



Neubau von 1885, Südansicht


Die abgebildeten Bauzeichnungen zeigen, dass die Architekten noch bestrebt waren, aus Alt und Neu ein einheitliches Gesamtgebäude zu bilden. Da der Turm in seiner Höhe vorgegeben war, konnte dem Kirchenschiff nicht die Höhe zugestanden werden, die es seiner Größe nach eigentlich hätte besitzen müssen. Vor allem innen fiel diese zu geringe Raumhöhe als drückend auf.



Neubau von 1885, Choransicht


Zweifellos war die Kirche von 1885 ein eindrucksvolles Bauwerk, aber sie wirkte doch auch düsterer, als die Zeichnungen vermuten lassen. Der Grund ist nicht zuletzt, dass man sie in Ziegelsteinmauerwerk errichtete und nicht mit Tuffstein verklinkerte, wie es ursprünglich in Anlehnung an den Tuffstein-Turm geplant hatte.



Neubau von 1885, Grundriss


Innen wirkte diese Kirche düster, weil die Fenster insgesamt zu klein waren. Sehr störend war auch, dass man von den meisten Bankplätzen aus keinen freien Blick auf den Altar hatte. Auch die Akustik war ungünstig.
Es ist deshalb verständlich, dass man 1971 diese Kirche niederlegte, um sie bis 1974 durch den jetzigen Erweiterungsbau zu ersetzen: einen Betonbau, den man, ohne den Kontrast überdecken zu wollen, dem Altbau vorsetzte. Außen mag das Nebeneinander von Alt und Neu hart erscheinen; umso überraschender und harmonischer ist der Raumeindruck innen, wo der Blick der Gottesdienstbesucher über den Altar hinweg in das Mittelschiff des Altteils geht.

JW

(7/11/09)

Handgeschriebenes Gebetbuch eines Stommelners (1848)

Auf Pargament geschriebene „Stundenbücher“ mit kostbaren Miniaturen kennen wir aus der Welt des mittelalterlichen Klosters. Handgeschriebene Gebetbücher entstanden bis zur Erfindung des Buchdrucks auch für vornehme Laien, etwa das auf Pargament geschriebene, mit 41 ganzseitigen kostbaren Miniaturen geschmückte Gebetbuch (Liber Precum) in der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg, das Ende des 15. Jahrhunderts in Köln entstand und aus dem Besitz der deutschen Gemahlin von Zar Paul I. stammt.
Wenig bekannt ist, dass seit dem 18. Jahrhundert bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts vereinzelt handgeschriebene Gebetbücher überliefert sind, in denen jemand im Auftrag oder auch für sich selbst eine Vielzahl von Gebeten zusammengestellt und entweder mit eingebundenen Drucken oder mit kolorierten Handzeichnungen geschmückt hat. Einzelne Beispiele finden sich in Bibliotheken und Archiven, gelegentlich werden sie auch bei Auktionen oder in Internet-Auktionsportalen angeboten.



Ein gut erhaltenes Exemplar eines solchen handgeschriebenen Gebetbuches aus dem Jahr 1848 ist jetzt in Stommeln aufgetaucht (Privatbesitz). Es trägt den Titel:


Samenkörnlein
auf ein gutes Erdreich
Ein Gebethbuch
für
Gutgesinnte Christen
Zusammengezogen und
Verfertiget Von dem ehr-
samen Bürger Franz Müller
wohnhaft in Stommeln
im Jahre 1848
Zur Höchsten Ehre Gottes
Franz Müller Fasbinder



Von dem Verfasser, dem Küfer Franz Müller, wissen wir, dass er aus Glessen stammte, 1827 die Stommelnerin Margaretha Nicolin heiratete und seitdem in Stommeln wohnte. Von den sechs Kindern starb eins kurz nach der Geburt. Neben dem Küferhandwerk betrieb er offenbar noch eine kleine Landwirtschaft und gehörte immerhin zu den etwa 80 Personen im Ort, die ein Pferd besaßen. 1850 baute er an der soeben fertiggestellten neuen Venloer Straße ein neues Haus für seine große Familie.
Als er 1848 für sich dieses Gebetbuch zusammenstellte, war er um die 50 Jahre alt. Auf dem Titelblatt nennt er sich „Bürger“, und darin mag man ein Echo des Kampfes gegen Untertanentum und für die Rechte des Bürgers, französisch citoyen, im Revolutionsjahr 1848 sehen, was ihn als politisch bewussten Menschen ausweist.



Das Buch im handlichen Taschenformat von 18 x 12 cm umfasst 160 handbeschriebene und handbemalte Seiten. Es ist mit Goldschnitt versehen und in dunkelbraunes Leder mit fünf Bünden eingebunden. Das blaue Vorsatzpapier weist ein dichtes weißes Zackenmuster auf. Der Satzspiegel der einzelnen Seiten von 15,3 x 8,6 cm ist durch dünne Striche gerahmt und mit kaum sichtbaren dünnen Bleistift-Hilfslinien in 21 Zeilen unterteilt.
Im Buchtitel weist Franz Müller selbst darauf hin, dass er die Gebete selbst „zusammengezogen“, d. h. selbst ausgesucht und zusammengestellt hat. Insofern ist das Buch nicht nur wegen der Handschrift, sondern auch inhaltlich ein Unikat. Es enthält folgende Kapitel:


1. „Morgens Gebeth“ (S. 2 – 7)
2. „Abend Gebeth“ (S. 8 – 10)
3. „Meß Gebether“ (S. 11 – 34)
4. „Sonn und Feyertägige Vesper Gebeth“ (S. 35 – 52)
5. „Beicht und Busgebether“ (S. 53)
6. „Gebeth vor der H. Kommunion“ (S. 63 – 72)
7. „Zu Jesu im Hochwürdigsten Sakramente des Altars“ (S. 73 – 83)
8. „Fünf Kleine andächtige Gebethe auf die fünf buchstaben des süßen Namen Jesu eingerichtet“ (S. 84 – 93)
9. „Gebeth zu der Mutt. Gottes“ (S. 94 – 103)
10. „Gebeth zum heiligen Joseph“ (S. 104 – 115)
11. „Gebeth vom Leyden Christi“ (S. 116 – 125)
12. „Gebeth zu dem Heiligen Schutzengel“ (S. 126 – 130)
13. „Gebeth zu dem H. Antoni“ (S. 130 – 131)
14. „Gebeth zu allen Heiligen“ (S. 132 – 145)
15. „Gebether Bey Krancken und Sterbenden, welche auch nützlich von gesunden können gesprochen werden“ (S. 146 – 155)
16. „Andacht für die abgestorbenen“ (S. 155 – 158)



Die Gebetstexte sind in deutscher Schreibschrift mit schwarzer Tinte geschrieben. Die Gebetsanfänge sind durch Fraktur-Druckschrift, Farbigkeit und mit floralem Schnörkelschmuck versehene Initialen hervorgehoben. Die einzelnen Kapitel werden durch ganzseitige farbige Miniaturen eingeleitet, die Kapitelüberschriften selbst sind mit roter Tinte geschrieben und mit fantasievollen Einrahmungen geschmückt. Eine Kopfzeile auf jeder Seite benennt das jeweilige Kapitel.


Das „Samenkörnlein“ ist ein rührendes Beispiel der Volksfrömmigkeit aus dem 19. Jahrhundert. Es verdient nicht zuletzt auch deshalb eine eingehende inhaltliche Untersuchung, weil es noch ganz den Geist vor der Liturgischen Reform atmet. Bezeichnend ist, dass das private Beten während der Messe völlig losgelöst war von der Opferhandlung des Priesters. Die Texte werden nicht etwa dem Ordo Missae entnommen, sondern lediglich paraphrasiert; selbst für das Vaterunser gilt das! Die lateinischen Texte des Ordinariums waren während der Messfeier dem Priester als dem geweihten Verwalter des eucharistischen Sakramentes vorbehalten; dem beiwohnenden gemeinem Kirchenvolk waren sie nicht erlaubt, auch nicht in deutscher wörtlicher Übersetzung.




Was hier nur angedeutet werden kann, bedarf einer eingehenden liturgie- und frömmigkeitsgeschichtlichen Untersuchung.


JW

(7/05/09)

Kaiserfest in Köln: 4. und 5. Mai 1891

In alten Zeitungen zu lesen kann wie eine Expedition in eine fremde Welt sein. Im Jahrgang 1891 der „Kölnischen Volkszeitung“ fiel so ein Vorbericht über den Besuch Kaiser Wilhelms II. vom 4. und 5. Mai 1891 in Köln ins Auge. Unter Kanonendonner und Glockengeläut empfangen, besuchte der Monarch in der Mülheimer Heide die kaiserlichen Truppen. Im Gürzenich wurde ein prunkvoller Empfang für ihn ausgerichtet, abends erstrahlte der Dom zu Ehren des Kaisers bis zu den Kreuzblumen der Türme in rotem bengalischem Licht. Eine Rundfahrt durch die Stadt führte auch über den Kaiser-Wilhelm-Ring, den neuen Prachtboulevard der Neustadt.



Denkmal Kaiser Wilhelms II. an der Hohenzollernbrücke in Köln.
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wilhelm_II._-_Statue_an_der_Hohenzollernbr%C3%BCcke_K%C3%B6ln.jpg


Es kostet Zeit und Mühe, sich in den folgenden Bericht zu vertiefen. Aber es lohnt sich. Wie in einem Brennglas erkennt man bis in die Einzelheiten der Festvorbereitung hinein den uns fremd gewordenen Geist einer vergangenen Zeit vermeintlicher deutscher Größe.



Preußische Garnisonstadt Köln: Deutzer Kürassiere um 1900.
Aquarell von Carl Rüdell, 1930. Quelle: Köln-Archiv

Kölnisches.
Kaiser-Fest. Die Vorbereitungen zum Schmuck der Straßen
und Häuser, welche der Kaiser bei seiner Anwesenheit in Köln berühren
wird, sind in vollem Gange. Die Vormittagsstunden wird der Landes-
herr voraussichtlich zur Erledigung von Regierungsgeschäften verwenden.
Jedoch ist dabei nicht ausgeschlossen, daß Se. Majestät auch eine Be-
sichtigung der Truppen der hiesigen Garnison in letzter Stunde befehlen
wird. Dieselbe würde wahrscheinlich auf der Mülheimer Haide (wenn nicht
beim Fort Komar) stattfinden. Es dürfte deshalb wohl auch den Be-
wohnern des nördlichen Stadttheils, insbesondere des Eigelsteins,
Hansa-Ringes und anstoßender Straßen anzuempfehlen sein, ihre Häuser
zu schmücken, da dieselben bei einer militairischen Veranstaltung vom
Kaiser berührt werden können. – Am Montag-Abend war im obern
Saale der Neuen Welt eine große Anzahl von Herren, welche die Feld-
züge von 1864, 1866 und 1870/71 mitgemacht haben, versammelt, um
über die Betheiligung am Empfange des Kaisers zu berathen. Der
Vorsitzende, Hr. Gerber, theilte mit, daß auf seine vor Wochen an den
Kaiser gerichtete Immediat-Eingabe, in welcher gebeten wurde, den
alten Kriegern Gelegenheit zu geben, auch dem jetzigen Kaiser ihre
Treue und Anhänglichkeit zu bekunden, durch das Hofmarschall-Amt
eine genehmigende Antwort eingetroffen sei. Nach einem Hoch auf den
Kaiser widmete der Vorsitzende dem verstorbenen General-Feldmarschall
Grafen Moltke einen Nachruf. Die Versammlung wählte dann ein
Comité von sechs Herren, welches die weiteren Vorbereitungen für den
Empfang des Kaisers treffen soll. Laut einer Bekanntmachung des
kgl. Polizei-Präsidiums werden am Tage der Ankunft des Kaisers in
Köln am 4. Mai der Bahnhofsvorplatz und die für die Umfahrt um
den Dom nach dem Regierungsgebäude bestimmten Straßen und Plätze
von 9 Uhr Abends ab in so weit abgesperrt, daß die für die Fahrt
des Wagenzuges nöthige Straßenfläche freibleibt. Auf den Straßen
und Plätzen, über welche die Umfahrt geschieht, darf von 9 Uhr ab ein
Verkehr von Wagen – mit Ausnahme derjenigen der zum Empfang
auf dem Bahnhof befohlenen Herren – nicht stattfinden. Ebenso wird
die Schiffsbrücke von 9 Uhr ab für den Wagenverkehr gesperrt. Das
Publicum wird dringend ersucht, zur Aufrechterhaltung der Ordnung bei-
zutragen. Verboten ist: neben den Wagen des Zuges herzugehen oder
denselben zu folgen, Blumenbouquets zu werfen oder Feierwerkskörper
abzubrennen. Bei der Umfahrt des Kaisers am 5. Mai werden von
11 ½ Uhr Vormittags für den Wagenverkehr gesperrt: Zeughaus-
straße, Mohrenstraße, Gereonsdriesch, Gereonshofstraße, Kaiser Wilhelm-
und Hohenzollern-Ring, Rudolfsplatz, Hahnen-, Mittel- und Pfeilstraße,
Neumarkt (nördliche Seite) Schildergasse, Hohestraße, Obenmarspforten,
Martinstraße. Die Anfahrt zu den Tribünen auf der Ringstraße muß bis
11 ½ Uhr erfolgt sein. Der Kaiser Wilhelm-Ring ist ledigkich für die Auf-
stellung der Schüler und Schülerinnen bestimmt; anderweites Publicum
kann dort keinen Platz finden. Die zum Festmahl im Gürzenich eingeladenen
Gäste müssen von Obenmarspforten am Quatermarkt anfahren, von
wo auch die Fußgänger ihren Eintritt zu nehmen haben. Die Martin-
straße bleibt bis zur Abfahrt seiner Majestät vom Gürzenich für den
Wagenverkehr gesperrt. Von Nachmittags 3 ½ Uhr ab tritt eine Sper-
rung des Wagenverkehrs ein für Obenmarspforten, Unter Seidmacher,
Heumarkt, Friedrich-Wilhelmstraße, Leystapel (Nordseite), Thurnmarkt,
Buttermarkt und Hafengasse. Die auf die Schiffe eingeladenen Gäste
müssen nach erfolgter Absperrung der vorbezeichneten Straßen über den
Filzengraben nach der Abfahrtstelle der Schiffe fahren. im Anschluß
an die frühern Berichte unseres Blattes theilen wir weiter mit, daß
der Isabellensaal des Gürzenich, dessen Decke nunmehr renovirt ist,
zum Empfange des Kaisers decorirt wird. Inmitten einer vom Kölner
Gartenbau-Verein arrangirten herrlichen Palmen- und Blumen-Gruppe
steht die überlebensgroße Marmorbüste des Kaisers, überdacht von einem
reich ausgeführten rothsammetnen Baldachin. Die Fenster sind mit
Gobelins dicht zugespannt und die Thüren und das Orchester mit
Perser-Teppichen reich behangen. Der Saal wird durch Gaslicht hell
[erleuchtet in seinem] reichen Blumenflor und herrlichen Decoration
einen malerischen Eindruck machen. Auch der Nebenraum des Isabellen-
saales wird auf’s bequemste eingerichtet. Ringsum bedecken Gobelins
die Wände, echte Kelim-Portièren zieren die großen Thüren, und be-
queme Ruhesessel laden zum Ausruhen ein. Von außen wird der
Gürzenich durch Guirlanden, Wappen und Kränze ein festliches Aus-
sehen erhalten. Vor der Schiffbrücke, woselbst der Kaiser nach dem Fest-
essen gegen 4 ½ Uhr sich auf den Salon-Dampfer Deutscher Kaiser
begibt, wird eine hohe Masten-Decoration den Abschluß der Friedrich-
Wilhelmstraße bilden. Im Hafen liegt genannter Dampfer zur Auf-
nahme vollständig renovirt. Derselbe macht in seinen lichten Farben
einen prächtigen Eindruck. Im Salon des Schiffes wird unter lebenden
Pflanzen und Blumen die Büste der Kaiserin aufgestellt, und auf
Deck, wo der Kaiser sich während der Fahrt bei schöner Witterung
vermuthlich länger aufhalten dürfte, wird ein gedeckter Platz, eingefasst
durch eine herrliche Pflanzen-Decoration, hergestellt. Dort werden durch
Aufstellen geschmackvoller Sessel bequeme Sitzplätze geschaffen. Auch am
Eingang der Komödienstraße ist man mit Vorarbeiten zur Errichtung
einer Ehrenpforte beschäftigt. Reiche Plüsch-Decorationen an vergoldeten
Stangen mit Wappen, Banner und Palmen geziert, werden im
Verein mit einem großen Gas-Adler unserm Kaiser den Anfang des
Weges zum Regierungsgebäude kennzeichnen. Auch das Riesenbaugerüst
am Dom-Hotel soll nach der Domseite hin nicht schmucklos bleiben.
Durch eine großartige Wappen- und Flaggen-Decoration soll dasselbe
den Eindruck eines Kolossal-Triumpfbogens machen. Sämmtliche vor-
stehende Decorations-Arbeiten werden durch den Hoflieferanten Herrn
Fr. W. Rottmann ausgeführt.
Dom-Beleuchtung. Wie die Kölnische Volkszeitung schon am
17 d. gelegentlich der Besprechung bei frühern Festlichkeiten stattgefun-
dener Dom-Beleuchtungen mittheilte, wird die am Abend des 4. Mai
erfolgende Beleuchtung als eine so schöne, wie solche noch nicht da-
gewesen, zu bezeichnen sein. Dieselbe wird 20 Minuten dauern. Sobald
der Kaiser am Montag das Fürstenzimmer des alten Bahnhofes Abends
nach 10 Uhr verlassen hat, beginnt die Rundfahrt um den Dom, wäh-
rend der sämmtliche Glocken des Domes, auch die Kaiserglocke, die von
51 Mann gezogen werden, sich in Geläute befinden. Zur Beleuchtung
des Domes dienen über 700 rothe bengalische Flammen, welche von
80 Leuten auf ein gegebenes Glockenzeichen angezündet werden. Die
Lieferung und Leitung werden vom Kunstfeuerwerker Joh. Dax, welcher
auch in Düsseldorf die sämmtliche Beleuchtung übernommen hat, besorgt.
Sobald Se. Majestät an der Ostseite des Domes angelangt ist, erscheint
der Eingang der neuen Brücke in rothen bengalischen Flammen. Die
beiden Thürme der Westseite der Brücke, zwischen der Reiterstatue
Friedrich Wilhelm’s IV., werden gleichzeitig mit grünem bengalischem
Licht beleuchtet und von denselben 5000 Raketen in die Luft geworfen
sowie unzählige buntfarbige Leuchtkugeln aus Mörsern geschossen werden.
Langsam fährt der Kaiser um das Südportal des Domes nach Unter
Fettenhennen zu. Währenddem werden ungefähr 500 rothe bengalische
Flammen auf der Dom-Terrasse und der ersten, zweiten und dritten
Galerie des angezündet. Diese volle 10 Minuten anhaltende anhaltende
Beleuchtung der Thürme bis zu den Kreuzblumen hinauf wird einen
märchenhaften AQnblick gewähren. – Hieran anschließend, sei mitgetheilt,
daß bei der Durchfahrt des Kaisers auch die Komödienstraße und das
Justizgebäude mit rothem und grünem bengalischem Feuerwerk erhellt
werden, ebenso das Zeughaus und Regierungs-Gebäude und die Ko-
lossal-Figur der Germania in farbigem Licht erstrahlen sollen. Das
Directions-Gebäude der rechtsrheinischen Bahn wird durch unzählige
[Gasfl]ammen erhellt, in der Mitte der Namenszug des Kaisers. Alles
[in all]em wird man in Köln am Abend des 4. Mai Lichtwirkungen
zu sehen bekommen, wie sie großartiger die alte Stadt noch nie erlebt
hat. Als im Jahre 1875 der damalige Kronprinz, nachmaliger Kaiser
Friedrich, von der Flora-Ausstellung zurückkehrte, waren St. Cunibert,
die Ostseite des Domes und der Bayenthurm bengalisch beleuchtet, was
von der Deutzer Brückenrampe aus herrlich anzuschauen war.

JW

(7/05/09)




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