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Mai 2005

Große Kölner Gottestracht

Am bevorstehenden Fronleichnamstag, dem 26. Mai 2005, ziehen durch die katholischen Gemeinden wieder die Fronleichnamsprozessionen – Prozessionen also, in denen die Eucharistie, der „Herren-Leib“ (mhd. frô = Herr; frôn = zum Herrn gehörig), durch die Straßen getragen wird.
Für solche eucharistischen Prozessionen gab es früher den schönen Ausdruck „Gottestracht“, der das „Tragen“ Gottes in der Gestalt des eucharistischen Brotes wörtlich benannte. Heute lebt er in Köln noch fort in der „Mülheimer Gottestracht“, einer Schiffsprozession der Mülheimer Pfarre St. Marien, in der die Hostienmonstranz, begleitet von einem Konvoi großer und kleiner Boote, auf einem Rheinschiff von Mülheim rheinaufwärts bis zur Zoobrücke und wieder zurück gefahren wird. Es handelt sich dabei also um eine Sonderform der Fronleichnamsprozession.
Einen ganz anderen Hintergrund hat die historische Große Kölner Gottestracht, die seit dem Mittelalter am 2. Freitag nach Ostern um den erweiterten Mauerring der Stadt von 1180 zog, angeführt vom „Gecken-Berndchen“, einem verkleideten Narren, der seinen krummen Säbel schwang, mit seltsamen Sprüngen und Späßen die Zuschauer belustigte und so auf „kölsche Art“ der Prozession den Weg ebnete. Ihren Vorläufer hatte diese Gottestracht wohl in der Sylvesterprozession, die um die alte römische Stadtmauer zog.



Große Kölner Gottestracht, Kupferstich von Goffart-Löffler jun., 1658. Quelle: Kölnisches Stadtmuseum, Auswahlkatalog 1984)


Die Große Kölner Gottestracht, in der neben dem Kölner Magistrat und der hohen Kölner Geistlichkeit auch der Abt von Brauweiler seinen festen Platz hatte, spiegelte in ihrem Aufbau die politische und soziale Ordnung der Stadt wider und war damit ein alljährlich wiederkehrender ritueller Akt der Selbstvergewisserung der katholischen Identität der Stadt. Organisiert von Rat und Bürgerschaft der Freien Reichsstadt Köln, überstrahlte sie alle anderen Prozessionen an zeremonieller Pracht.
Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie von der französischen Verwaltung zunächst verboten, dann aber 1804 am Sonntag in der Fronleichnamsoktav wieder eingerichtet, verlor aber bald ihre alte Pracht und Bedeutung. 1818 von Ferdinand Franz Wallraf unternommene Wiederbelebungsversuche scheiterten letztlich.
Im Feuilleton der Kölnischen Volkszeitung vom 13. April 1890 findet sich ein interessanter Artikel, der an die alte Kölner Gottestracht erinnert mit einer genauen Beschreibung der Prozessionsordnung und ihres Weges. Der Text wird im folgenden unverändert wiedergegeben.



Die Gottestracht in Köln
Kölnische Volkszeitung, 13.4.1890
Unter den kirchlichen Feierlichkeiten des alten Köln nahm die „Gottes-
tracht“ Godtdraicht oder Godtztraicht den vorzüglichsten Rang ein.
Die Gottestracht war eine große Procession mit dem allerheiligsten
Sacramente, welche jährlich am zweiten Freitag nach Ostern vom Dom
aus um die ganze Stadt ging. Erzbischof Heribert hat nach dem Bre-
viere die Procession eingerichtet gegen die Pest. Ein besonderer Beför-
derer derselben war Kaiser Karl IV. (Gelen. farr. VI. 513) 1375; der
Cardinal-Legar Pileus verlieh den Theilnehmern derselben 1379 einen
Ablaß. Unter Erzbischof Theoderich II. (von Mörs) fand eine Erneue-
rung der Procession statt, mit welcher Papst Martin V. einen Ab-
laß verband.




Kölnische Volkszeitung, 13. April 1890



Der zweite Freitag nach Ostern, das Fest der Lanze und der Nägel
des Herrn oder, wie es in einer alten Handschrift heißt: „Dagh der
Wapen unseres Herrn“ war zum Processionstage gewählt. Da der
Rath der Stadt Köln in hervorragender Weise sich an der Feier be-
theiligte, bestimmte er einige Tage vor dem Freitag diejenigen seiner
Mitglieder, welche abwechselnd neben dem h. Sacramente gehen sollten.
Die Prälaten, welche das hochwürdigste Gut von der einen Station
zur andern zu tragen hatten, wurden vom Rathe genehmigt oder
mußten ihm wenigstens bekannt gegeben werden, damit unter ihnen
keine der Stadt feindliche Persönlichkeit sich befinde.


Den Schutz der
Procession nahm der Rath in seine Hand. Vom Rathe gewählte Ritt-
meister hatten die Pflicht, in feierlichem Aufzuge, begleitet von Trom-
petern, Bannerträgern und einer guten Anzahl Reiter die Procession
als Schutzwache auf dem Wege vom St. Severinsthore bis zum Eigel-
stein gegen feindliche Ueberfälle zu schirmen. Die Kölnischen Fuß-Sol-
daten – die Funken – paradirten beim beim Aus- und Eingange der
Procession, gaben Gewehr- und Geschütz-Salven und machten in Be-
gleitung der Schaarwächter einen Streifzug vor dem Severinsthor nach
dem sogenannten Raderthal, um dort für die Sicherheit zu sorgen.
Gegen den Andrang des Volkes sicherten die Zunftgenossen die Pro-
cession, welche in ihren Harnischen an der Seite derselben einherschritten.


Am Rhein übernahm die Fischerzunft die Ehrenwache. Sie rüstete
ein eigenes Wachtschiff aus, welches sich langsam an der Seite der
Procession bis zum Bayenthurm hin bewegte. Jedem Berittenen bei
der Procession wurde nach Abschluß ein „sylver tzeichen“ gegeben,
„dair vur hey ein golde flesch Raydtswyn maich doin hoilen“. Des-
geichen widmete der Rat allen Aebten, Prälaten und Klöstern, welche
sich an der Procession betheiligt hatten, eine Präsenz an Rathswein.
Auch die Spielleute, welche bei der Procession gespielt hatten, wurden
nicht vergessen; sie erhielten auch Jeder ein schweres „Raydtzeichen“.
Die Aemter und Gaffeln der Stadt betheiligten sich durch Vortragen
schöner großer Kerzen.


Bei der Procession waren gegenwärtig die männlichen Orden und
Bruderschaften, die Abtei- und Stiftsherren der Stadt, das Domcapitel,
der Rector der Hochschule, die Aebte von Knechtsteden, Steinfeld,
Altenkamp, Altenberge, Deutz, Brauweiler, St. Martin und St. Pan-
taleon in ihrer Pontifical-Kleidung, der Weihbischof, der päpstliche
Nuntius mit seinem Gefolge, und sämmtliche Pfarrer der Stadt, denen
Chorknaben silberne Kreuze vortrugen. Mehrere Musik- und Gesang-
Chöre waren im Zuge vertheilt, den die Zöglinge des Priester-Seminars
abschlossen. Von der Laienwelt nahmen an der Procession zunächst alle
Schulkinder der Stadtschulen Theil. Der Rath der Stadt, die regieren-
den Bürgermeister in festlicher Amtstracht, die Rentmeister, die Raths-
diener mit ihren Stäben, die churfürstlichen Beamten erachteten es für
eile Ehre, das allerheiligste Sacrament zu begleiten, dessen Baldachin
abwechselnd von den Bürgermeistern und den Stimmmeistern getragen
wurde. Die Gesandten auswärtiger Mächte und überhaupt Fremde be-
sondern Ranges wurden feierlichst zu der Procession eingeladen und
schlossen sich gern derselben an.


Der Weg, den der feierliche Umzug
nahm – am zweiten Freitag nach Ostern, denn außer diesem gab es
noch zwei andere Umzüge: am vierten Freitage um die alte Ringmauer
und am Dinstag nach Pfingsten nach Sülz – ging anfangs „umb
die Stadt Cölln“
… Der Erzbischof und dessen Stellvertreter, der Weih-
bischof, trug das allerh. Sacrament zum Dom heraus und der Zug
bewegte sich dann gegen den Rhein durch das Rheingassenthor. Die
Aebte und Prälaten nahmen alsbald das allerh. Sacrament zum
Weitertagen in Empfang und der Zug bewegte sich den Rhein ent-
lang zum Bayenthor über den Stadtgraben an den Stadtmauern und
Thoren vorbei, am Rhein bei St. Cunibert zum Rheingassenthor zurück
und dann wiederum in den Dom. Der Domdechant trug das Sanc-
tissimum in den Dom zurück.


Eine Reihe von Stationen war festge-
setzt, an denen eben die Prälaten und Aebte in dem Tragen des
hochw. Gutes wechselten. Im Jahre 1477 verordnete der Rath, daß
die Procession nicht mehr als zehn Stationen haben sollte, damit der
Umgang nicht gar zu lang dauere. (Rathsprotokoll 3 f. 70.) Diese
Stationen waren: am Gänskrahnen, an der Rheingasse, am Bayen-
thurm, an der Bachpforte, an der Schafenpforte, am Ehrenthor, zu
Reuschenberg, am Cunibertsthurm, an der Neugasse, im Dom.
Später und zuletzt nahm die Procession ihren Weg vom Dom aus
durch die Hachtpforte zu Taschenmachern über die Westseite des Alten-
marktes, über den Malzbühel, an der Nordseite der langen Bachstraße,
an der Griechenpforte vorbei, St. Mauriz entlang nach der Aposteln-
kirche zum Grabe Heribert’s. Sie folgte also der alten Stadtmauer.
In St. Aposteln wurde eine h. Messe gelesen, und dann entfernten sich
der Senat und die städtischen Beamten sowie der Klerus der obern
Stadt und manche Congregationen.


Die Monstranz, welche in spätern Zeiten bei der Procession ge-
tragen wurde, ist ein geschenk des Erzbischofs Maximilian Heinrich
und eines der kostbartsen Kleinodien des Domschatzes. Zur Zeit der
letzten Kurfürsten mußte der kölnische Senat, so oft die Monstranz
bei öffentlichen Umzügen gebraucht wurde, sich dem Domcapitel jedes
Mal für deren Werth verbürgen.


Es soll noch erwähnt werden, daß eine Abbildung der Gottestracht
bei Goffart in Kupferstich erschienen ist.


Bei den Processionen und auch bei der Gottestracht fehlt in Köln
nie seit dem spätern Mittelalter eine Figur, welche vielfach Freude
erregte – nie Ärgerniß. Das war das sog. Gecken-Berndchen. Vor
dem Zuge tanzte das eigenthümlich gekleidete Männchen in seltsamen
Sprüngen – wenn wir nicht irren, noch in den zwanziger Jahren –
einher. Dieser Gebrauch knüpfte sich an die Erzählung des Alten
Testamentes, in welcher mitgetheilt, daß David vor der Bundes-
lade tanzte und die Harfe spielte.


Die Gottestracht mit ihrer Pracht ist längst verschwunden, wie
so manches andere aus dem alten heiligen katholischen Köln. Einen
gewissen Ersatz bietet die Procession am Frohnleichnamstage – jedoch
auch diese ist durch die Culturkampfzeit und allbekannte andere Verhält-
nisse vielfach verändert. Der letzte Ueberrest der alten Gottestracht ist
zu finden in dem 40-Stunden-Gebet im Dome, welches am nächsten Freitag
beginnt und am Sonntag schließt. Möchten die Kölner, denen noch
katholischer Glaube im Herzen lebt, und denen die Erinnerung
an die frühere Zeit heilig ist, diese Reliquie der Vorzeit hoch halten
und in den Tagen des Gebets der Kathedrale nicht fern bleiben. Möchte
auch insbesondere die Frohnleichnams-Procession durch den Glaubens-
muth und die h. Andachtsgluth der Katholiken einen Ersatz dafür finden,
daß ihr vieles der alten Gottestracht leider nicht mehr geboten werden darf.


Literaturhinweis:
Köln rüstet sich zur Gottestracht: Eine Morgensprache vom 23. März 1478 (Gerd Schwerhoff). In: Quellen zur Geschichte der Stadt Köln. Band 2: Spätes Mittelalter und Frühe Neuzeit (1396–1792), hrsg. von Joachim Deeters und Johannes Helmrath, Köln 1996.
JW

(5/01/05)

Kriegsende 1945 in Pulheim

Vortrag von Josef Wißkirchen am Montag, dem 9. Mai 2005, 20.00 Uhr
Ort: Pulheim, Kath. Pfarrzentrum St. Kosmas und Damian, Hackenbroicher Str. 7

Es ist üblich geworden, den 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“ zu apostrophieren. So richtig diese historische Bewertung des deutschen Zusammenbruchs 1945 auch ist, so enthält sie doch zugleich die Gefahr, in eine falsche Opfermentalität zu flüchten, um dem Bewußtsein eigener Schuld und Verantwortung zu entgehen. Dem deutschen Volk ist es nicht gelungen, aus eigener Kraft sich gegen das verbrecherische NS-Regime zu erheben und es zu beseitigen.



Josef Wißkirchen


Die Befreiung mußte ihm von außen durch die siegreichen Alliierten aufgezwungen werden. Zu sehr war das Volk noch verstrickt in den Hitlerstaat und seine Ideologie, die erst unter der militärischen Übermacht der Gegner zusammenbrach. Und dieser Zusammenbruch war die Konsequenz dieser politischen Haltung, die viele bis zuletzt gar nicht oder erst im Angesicht der Katastrophe gezwungenermaßen aufgaben. Die so Befreiten waren in der Mehrheit nicht Opfer, sondern gehörten mit zu den Tätern.



Marktplatz in Pulheim vor dem Zweiten Weltkrieg


Der Vortrag geht der Ambivalenz von „Zusammenbruch“ und „Befreiung“ nach und nähert sich dem Thema aus der Perspektive der Alltags- und Mentalitätsgeschichte. Er will die Lebensumstände und Stimmungslagen der einheimischen Bevölkerung und das Schicksal der Evakuierten aus Pulheim, der Flüchtlinge aus dem Aachen-Jülicher Raum und der Kriegsgefangenen deutlich machen.



Kriegszerstörte Barbarakapelle in Pulheim

Am 26. Oktober 1944 war der dumpfe Artillerielärm der Front zum ersten Mal in Pulheim zu hören. Ständiger Luftalarm, Flucht in den Bunker, Angriffe von Tieffliegern am hellichten Tag machten das Leben unerträglich, so daß schließlich immer mehr Menschen den Einmarsch der Amerikaner herbeisehnten, der am 3. März 1945 erfolgte.
JW

(5/01/05)




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