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  | „Du wellst doch dä fuhle Schnieder nit Pate werde losse!“ |
Von Geburt, Paten und Taufe um 1870 in Stommeln
Besucher der Alten Kirche in Stommeln finden sein Grab neben dem Seiteneingang an der Kirchenmauer: Johann Klöcker, geboren 1870 im elterlichen Haus in der Gasse „Forsterhütte“ in Stommeln, viele Jahre Pfarrer in LaCrosse am Mississippi in den USA, nach der Rückkehr als alter Mann in seine Heimat gestorben 1949 in Büsdorf. In den USA hat er eine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit entfaltet, und zwar in Zeitschriften für die deutschstämmigen US-Bürger. Unter anderem hat er auch umfangreiche Erinnerungen an seine Kindheit in Stommeln hinterlassen (unter dem Titel „De eo ipso“). Entstanden sind sie zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, als er, in Chicago lebend, wehmütig sich seiner von Naziterror und Krieg zerschundenen Heimat erinnerte.

Johann Klöcker, Reisepaßfoto von 1948 (ein Jahr vor seinem Tod)
Der folgende Textauszug erzählt von Geburt, Patenwahl und Taufe im Jahre 1870 in Stommeln.
„Gode Morge, Kobes, wie geht it der Frau und dem Klein?“ So fragte Bös Möhn am Morgen des 11. Juni 1870 über den Gartenzaun hinweg meinen Vater. In der Nacht um 2 Uhr hatte ich zum ersten Male auf dieser alten Erde die Augen geöffnet und die fremde Welt angekräht, wie das gewöhnlich bei der Geburt eines gesunden Menschenkindes der Fall ist. „Alles es god gejange. Diese Nohmedag öm zwei Uhr es de Dof angesagt. Pastur mäht it gän flott“, antwortete der Vater. Die Leute in meiner Heimat sind einfache Bauern und Tagelöhner. (...) Seit Jahrhunderten war die ganze Pfarrei in sogenannte Nachbarschaften eingeteilt. Ist der Zusammenhang unter den Nachbarn in neueren Zeiten unter modern preußischem Einfluß auch mehr gelockert und weniger zwingend, so läßt sich ein Jahrhunderte altes Herkommen bei dem konservativen Sinn der Landbewohner doch nicht so leicht auf die Seite schieben wie in den Städten. Der Verkehr mit den Nachbarn ist auf dem Lande besonders lebendig und echt freundschaftlich. Kommen auch hier und da Schwierigkeiten, in der Zeit der Not stehen alle zusammen wie ein Mann. Geburten, Taufen, Hochzeit und Begräbnis sind Ereignisse, die jeden angehen. Dann ist die ganze Nachbarschaft eine große Familie: dann ist des einen Leid auch das Leid des andern, des einen Freud auch des andern Freud. Darum braucht man sich nicht zu wundern, wenn Bös Möhn jetzt fragt: „Wer soll denn bei dem Kleinen Pate werden?“ „Mein Schwager Kobes, und Len, die Schwester der Frau, wird Jöttche“ (Patin), war des Vaters Bescheid. „Wat! Du wellst doch dä fuhle Schnieder nit Pate werde losse. Dat es secher kein god Erbdeel, wat du dem Kleine mit ins Levve gevven willst.“ Nicht allein der Name des Paten, oder bei Mädchen der Patin, geht nach altem Brauch auf den Neugetauften über, sondern nach dem Glauben der Leute auch dessen gute oder schlechte Eigenschaften. „Is mir und ooch meiner Frau gegen den Strich. Doch dä Schnieder is eigendlich an der Reihe. Er ist der Mann meiner ältesten Schwester und der Kleine is unser Zweiter. Auch habe ich den Namen Jakob schon für das Geburts-Register auf dem Amte angegeben“, erwiderte der Vater. Die Leute betrachten die Patenschaft als eine Ehre, deren Reihenfolge in der nächsten Verwandtschaft nach uraltem Übereinkommen geregelt wird. Der Großvater männlicherseits wird stets Pate des ersten Knaben, die Großmutter mütterlicherseits des ersten Mädchen. Sollten die Großeltern von einer Seite nicht mehr leben, wie zu Hause, wo des Vaters Eltern beide tot waren, dann haben die Großeltern von der andern Seite alle Vorrechte allein. Ist der zweite Sohn ein Knabe, so hat der Großvater mütterlicher Seite und die Großmutter väterlicher Seite das Vorrecht der Patenschaft. Sind die Ansprüche der Großeltern befriedigt, kommen die Geschwister von beiden Seiten in derselben Ordnung an die Reihe. Erst wenn keine näheren Verwandten vorhanden sind, können die Eltern nach Belieben die Paten wählen. Darum meinte Bös Möhn jetzt: „Och wat. Deine Eltern leben nicht mehr. Der Vater deiner Frau ist beim ersten Jungen Pate geworden und deine älteste Schwester, dem Schnieder seine Frau, Jöttche. Darum kannst du nehmen, wen du willst. Für das Leben gilt nur der Taufname. Was hat der Name auf dem Amts-Register zu sagen. Das ist nur Beamtenkram. Der hat mit der Taufe nichts zu tun.“ „Weest du wat? Unse Hanspitter würde sich freuen, wenn du den nimmst. Der paßt als junger Bursche auch besser zu der Len als der alte Witmann. Ich frage ihn, wenn er um elf Uhr vom Felde heimkommt. Dann können sie um zwei Uhr in der Kirche sein und nachher statt eines Köbes ein Hänneschen heimtragen.“ So ist es gekommen, daß ich später in allen Urkunden Johann Peter Jakob genannt werde, eine Auszeichnung, die in der Heimat nicht leicht dem Sohne eines armen Mannes zuteil wird. Die meisten Kinder armer Leute begnügen sich mit einem, höchstselten mit zwei Vornamen. Der Mutter war der Patenwechsel sehr recht. Wie mir Bös Möhn später oft erzählte, hatten die zwei Frauen diesen Handel schon Wochen vorher abgekartet. Der Schneider war von auswärts zugezogen, hatte als Witwer die älteste Schwester meines Vaters geheiratet, die ebenfalls Witwe war. Er hieß im Orte nur „dä fuhle Schnieder“, da er nicht nur sein Handwerk, sondern auch seine zahlreiche Familie vernachlässigte und darben ließ. Das war nach ihrer Ansicht kein gutes Vorbild für ihr Kind. Nur im Notfalle wird bei der Geburt in der Heimat ein Arzt zu Rate gezogen. Eine Hebamme eignet sich nach der Ansicht der Mediziner weit besser für diese Art Arbeit. Sie ist auch in den ersten Tagen nach der Geburt allein verantwortlich für das Kind. Darum hat auch nur sie das Recht, das Kind zur Kirche zu tragen. Pate und Patin begleiten sie dorthin. Ist der Täufling ein Knabe, geht der Pate zur Rechten, bei einem Mädchen dagegen nimmt die Patin dieses Recht in Anspruch. Während des Taufganges betet gewöhnlich die Großmutter oder sonst eine ältere Verwandte neben dem Bette der Wöchnerin im halbdunklen Zimmer allein oder mit der Mutter den Rosenkranz für den jungen Erdenbürger. Nach der Rückkehr aus der Kirche legt die Hebamme den neuen Christen in die Arme der Mutter. Diese besprengt ihn mit Weihwasser und bezeichnet ihn mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes. Dann bleiben Mutter und Kind allein. Im Wohnzimmer ist indessen der Kaffeetisch hergerichtet worden. Die Hebamme, Pate und Patin, die Großeltern wie auch die nächsten Nachbarsfrauen genehmigen sich jetzt einen guten Kaffee mit Kuchen und allerhand Leckereien. Der Vater geht ab und zu und hat Acht, daß nirgendwo etwas fehlt. Er ist in diesen Tagen die meistbeschäftigte Person im und um das Haus herum. Sein freudig-zufriedenes Gesicht bezeugt, daß er sich bei dieser Geschäftigkeit sehr wohl fühlt; die Freude, daß alles so gut abgelaufen ist, kann man in seinen wettergebräunten Zügen lesen. Darum gedenkt er auch der Armen sehr reichlich, die sich bei solchen Gelegenheiten weit zahlreicher einfinden als sonst. Ehe die Gäste Abschied nehmen, ruft die Mutter den Vater an ihr Bett. Sie bestellt für den morgigen Tag eine hl. Messe, die der Priester für das geistige und leibliche Wohl des Neugetauften darbringen soll. Alle Gäste und Freunde werden eingeladen, derselben beizuwohnen. Auch nicht einer würde sich dessen ohne Not weigern. „Aller Anfang mit Gott!“ Das ist der Grundsatz, der das Leben der einfachen Leute in meiner Heimat von der Wiege bis zum Grabe begleitet.
(5/01/04)
  | Reisebericht: „2000 Jahre Kunst und Kultur an der Côte D'Azur“ |
Die erste mehrtägige Studienfahrt in diesem Jahr führte vom 3. bis zum 11. April unter der Leitung von Dr. Frank Kretzschmar und seiner Frau Eveline in die südfranzösische Küstenregion zwischen St. Tropez und Menton, an die Côte d'Azur. Ebenso wie die Provence stand auch diese Küstenlandschaft seit der Jahrhundertwende hoch in der Gunst zahlreicher Maler wie beispielsweise Henri Matisse, Marc Chagall, Jean Cocteau, Auguste Renoir, Jules Fernand Henri Léger, Paul Cézanne, Georges Braque oder Pablo Picasso. Bereits auf der Hinreise über die Schweiz, begegnete die Reisegruppe in Fribourg den Werken von Jean Tinguely und seiner späteren Ehefrau Niki de Saint Phalle. Vor der Silhouette des Mont-Blanc-Massivs in den französischen Alpen bot der Besuch der zwischen 1937 und 1946 auf dem Plateau d'Assy erbauten Kirche „Notre-Dame de Toute Grace“, zahlreiche Werke bedeutender Künstler, zu denen auch diejenigen gehörten, deren Wirkungsstätten Ziele der Reise waren.

Notre-Dame de Toute Grace auf dem Plateau d’Assy
Die weitere Fahrt durch den Mont-Blanc-Tunnel, das Aostatal, die östliche Poebene und über den Col de Tende in das wild-romantische Royatal vermittelte den Reisenden mehrfach einen Eindruck, der an die gefahrvolle und abenteuerliche Überquerung der Seealpen durch den karthagischen (punischen) Feldherrn Hannibal vor rund 2200 Jahren (diese verlief allerdings an einer anderen Stelle der gleichen Seealpen) denken ließ.
Während des viertägigen Aufenthaltes in Nizza besuchte die Reisegruppe Wirkungsstätten und Werke bedeutender Maler. Hierzu gehörten die Rosenkranzkapelle in Vence, die Henri Matisse zwischen 1948 und 1951 ausgestaltet hatte, das Picasso-Museum im Château Grimaldi in Antibes, wo der Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg einige Zeit sein Atelier eingerichtet hatte und in Villefranche-sur-Mer die St.-Petrus-Kapelle, die 1957 von Jean Cocteau mit Szenen aus dem Leben der Heiligen ausgestaltet worden war. Auch Museen mit Werken dieser Künstler wurden besucht, so das Cocteau-Museum in der „Zitronenstadt“ Menton, das Chagall-Museum im Norden Nizzas und das Matisse-Museum in Cimiez, einem Vorort von Nizza, wo sich auf dem Friedhof neben der Franziskanerkirche auch das Grab von Henri Matisse befindet.

Besuch des Picasso-Ateliers in Antibes
Besonders beeindruckend war der Besuch im Wohnhaus und Atelier von Auguste Renoir in Cagnes. Die Fahrt zum malerischen Bergstädtchen Saint-Paul-de-Vence, dem ehemaligen Treffpunkt zahlreicher Maler, wurde verbunden mit einem Besuch am Grab von Marc Chagall und der Besichtigung zahlreicher moderner Kunstwerke in der Fondation Maeght, die zu den bedeutendsten Kunststiftungen der Welt zählt.
Ein ganz anderes Sinnesorgan wurde beim Besuch in Grasse, der Stadt französischer Parfums, angesprochen. Beeindruckend war der Besuch der nach griechischem Vorbild erbauten Villa Kérylos bei Beaulieu-sur-Mer sowie der Villa Ephrussi, welche die Baronin Béatrice Ephrussi geb. Rothschild auf dem Saint-Jean-Cap-Ferrat vor dem Ersten Weltkrieg im venezianischen Stil hatte erbauen lassen. Im Innern befindet sich eine umfangreiche Kunstsammlung. Um das Haus herum sind auf terrassiertem Gelände weitläufige Gärten verschiedener Stilrichtungen mit Palmen, Agaven, Kakteen und anderen mediterranen Pflanzen angelegt.
Die Rückreise führte entlang der roten Porphyrfelsenküste des Esterel-Massivs über Fréjus durch das Massif des Maures mit seinen Korkeichenwäldern zu den Ruinen der ehemaligen Abtei Thoronet.

Im Kreuzweg der alten Abtei Thoronet
Ziel des vorletzten Tages war Aix-en-Provence. Beeindruckend war der Besuch im Atelier von Paul Cézanne. Letzte Station der Reise war die altes Handelsstadt Lyon. Es war eine von den Zielen her beeindruckende Studienfahrt, und Reiseleiter Dr. Frank Kretzschmar verstand es hervorragend, die Vielfalt von Kunst und Kultur an der Côte d'Azur den Reiseteilnehmern nahe zubringen.
Peter Schreiner
(5/01/04)
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