Verein für Geschichte und Heimatkunde Verein für Geschichte und HeimatkundeStadtverwaltung Pulheim
Aktuelles Archiv Beitritt Links
NavigationsleistePersonenVereinVeranstaltungenPublikationenThesaurusBuchbestellung

Archiv

[Buchbesprechungen] [Newsarchiv]

Newsarchiv

März 2010

Zwangssterilisation in Köln 1934-1945

Als die Historikerin Gisela Bock 1986 ihre Habilitationsschrift dem Thema der „Zwangssterilisation im Nationalsozialismus“ widmete, machte sie die Öffentlichkeit auf ein weitgehend vergessenes Unrecht aufmerksam: auf die massenhafte Zwangssterilisation deutscher Frauen und Männer. Der Wahn der Höherzüchtung der „arischen Rasse“ durch „Ausmerzung minderwertigen Erbgutes“ war die ideologische Triebfeder des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933. Reichsweit wurden ca. 400.000 Personen Opfer dieser staatlich verordneten Verstümmelung ihres Körpers. Allein in der Provinzial-Arbeitsanstalt Brauweiler wurden bis Februar 1940 417 Personen sterilisiert (spätere Zahlen liegen nicht vor).
In einer neuen Publikation in der Schriftenreihe des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln wird diese Thematik für die Stadt in vorbildlicher Weise historisch aufgearbeitet (im Wesentlichen anhand von Akten, die nach dem Einsturz des Historischen Archivs der Stadt als verloren gelten müssen):



Sonja Endres
Zwangssterilisation
in Köln 1934-1945

272 S., zahlr. Abb.
Köln: Emons Verlag 2010
ISBN978-3-89705-697-8
€ 22,50


Es ist das Verdienst von Sonja Endres, dass sie die ideologischen Traditionslinien nationalsozialistischer „Rassenhygiene“ bis zu ihren Wurzeln im 19. Jahrhundert zurückverfolgt hat. Als damals die Fortschritte des naturwissenschaftlichen und technischen Denkens nicht den erhofften allgemeinen Wohlstand hervorbrachten, sondern im Gegenteil mit massenhafter Proletarisierung ganzer Gesellschaftsschichten einhergingen, entstanden daraus auf der einen Seite die sozialen Forderungen der sozialistischen und christlichen Arbeiterbewegung; zugleich aber auch auf Seiten der Profiteure sozialdarwinistische Vorstellungen, die in der „Wohlfahrtspflege“ das „biologische Grundgesetz“ der „natürlichen Auslese“ außer Kraft gesetzt und gerade darin die Wurzel allen Übels sahen.
Die Nazis radikalisierten diese Denkansätze und wollten die „natürliche Zuchtwahl“ durch staatlich verordnete Zwangssterilisation oder durch Euthanasie wiederherstellen und noch effektiver gestalten. Das Massenelend in Deutschland als Folge der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise gab solchen Forderungen nach der Sterilisation von „Minderwertigen“ neuen Auftrieb. Abstoßende, menschenverachtende Bilder von „idiotischen“ Menschen etwa in der vom Rassenpolitischen Amt seit 1933 herausgegebenen Propagandaschrift „Neues Volk“ bereiteten demagogisch den Boden für solche Maßnahmen vor.
Außerhalb der katholischen Kirche, die als einzige unter Berufung auf die päpstliche Enzyklika „Casti Conubii“ die Pläne nationalsozialistische Rassenhygiene grundsätzlich ablehnte, war der Widerstand in der deutschen Gesellschaft gering. Besondere Erwähnung verdient der kath. Kölner Stadtarzt Dr. Franz Vonessen, der sich aufgrund seiner religiösen Überzeugung weigerte, Anträge auf Unfruchtbarmachung zu stellen. Er nahm in Kauf, dass er deshalb in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde. Er eröffnete daraufhin eine Privatpraxis, in der auch Juden und politisch Verfolgte Zuflucht fanden.



Franz Vonessen im Kreise seiner Familie; Abb. aus dem Buch


In einem wichtigen Punkt verschärften die Nazis die bisherigen, in der Gesellschaft konsensfähigen Überlegungen zur „Eugenik“: Hatte man bisher auf Aufklärung und Freiwilligkeit gesetzt, so wurde nun durch das Erbgesundheitsgesetz die zwangsweise Sterilisation ermöglicht. Neu eingerichtete Erbgesundheitsgerichte, aus zwei Ärzten und einem Richter bestehend, entschieden nun über das Schicksal potentiell Betroffener. In den überwiegenden Fällen diente dabei „angeborener Schwachsinn“ als Begründung, wobei dieses Krankheitsbild bewusst weit und unscharf gefasst wurde und auch viele Formen sozialer Benachteiligung oder Auffälligkeit ihm zugeordnet wurden. Damit war politisch gesteuerter ärztlicher Willkür Tür und Tor geöffnet gegenüber den angeblich „Minderwertigen“.
Sonja Endres analysiert sorgfältig die institutionellen und personellen Grundlagen, die in Köln geschaffen wurden für die „Durchführung“ der NS-Rassenpolitik. Sie ermöglicht dem Leser damit einen detaillierten Nachvollzug des Ablaufs der Unrechtsmaßnahmen in Köln. Die zentrale Rolle des Kölner Gesundheitsamtes oder der „Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege“ kommt dabei ins Visier, aber auch die Verantwortung einzelner handelnder Personen: Dr. Walther Auer (Leiter der Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege), Amtsgerichtsrat Peter Nesseler (Vorsitzender des Kölner Erbgesundheitsgerichtes), Dr. Franz Kapp (Gefängnisarzt im Kölner „Klingelpütz“) oder Prof. Dr. Friedrich August Wahl, der zahlreiche Sterilisationen in der Universitäts-Frauenklinik durchführte.
Eine zentrale Rolle im Buch nimmt die genaue Beschreibung des Ablaufs von der Anzeige oder Denunziation eines Betroffenen über Anträge und Gutachten (auf der Grundlage höchst zweifelhafter „Intelligenzprüfungen“) bis hin zur praktischen Durchführung eines Verfahrens vor dem Erbgesundheitsgericht ein.
Sonja Endres hat Akten des Kölner Stadtarchivs ausgewertet, und das hat zur Folge, dass Sterilisationsopfer aus Brauweiler nur vereinzelt vorkommen, weil nach der Sterilisation die Akten an das zuständige Gesundheitsamt des Herkunftsortes des Opfers geschickt wurden. Trotzdem ist das Buch gerade für Leser, die sich für die Geschichte der Brauweiler Arbeitsanstalt interessieren, sehr empfehlenswert, weil die darin vorgestellten Kölner Einrichtungen und Personen auch für die Opfer aus der Arbeitsanstalt zuständig waren. Das Kölner Erbgesundheitsgericht hielt – nach Anzeige und „Gutachten“ durch den Brauweiler Anstaltsdirektor und Anstaltsarzt – „Gerichtstage“ in Brauweiler ab, und durchgeführt wurden die Sterilisationen in der Kölner Universitätsklinik Lindenburg. Bei vermutlich bis zu 500 Brauweiler Anstaltsinsassen war das so.


Josef Wißkirchen

(3/10/10)

Fränkisches Gräberfeld unter St. Kosmas und Damian in Pulheim?

Orte, deren Namen auf „-heim“ enden, gehen, so lehrt die Ortsnamenforschung, ins 7. Jahrhundert zurück. Auch für Pulheim dürfte das gelten, obwohl der Ort erst 1067 erstmals urkundlich erwähnt wird. Die Kirche wurde nach uralter Überlieferung kurz nach 1000 von Heribert von Köln geweiht. Es handelte sich dabei um eine kleine, turmlose Saalkirche, die bis heute im Mauerwerk des Altteils der Kirche nachweisbar ist. Josef Wißkirchen hat 2008 im 33. Band der „Pulheimer Beiträge zur Geschichte“ hierüber berichtet und 3D-Rekonstruktionen des Ursprungsbaus aus ottonischer Zeit von Kay-R. Lippmann veröffentlicht.



Pulheimer Saalkirche, um 1000; 3D-Rekonstruktion von Kay-R. Lippmann


Ging diesem ersten steinernen Kirchenbau in Pulheim eine fränkische Holzkirche voraus? Solche Holzkirchen wurden bevorzugt über fränkischen Gräberfeldern errichtet, und so sind es in der Regel archäologische Untersuchungen dieser Gräberfelder, die eine genauere Datierung und sonstige Aufschlüsse über die Ursprungsbauten ermöglichen. Im benachbarten Rommerskirchen z. B. wurden nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs solche Grabungen durchgeführt. Mehrere fränkische Gräber und Spuren einer ehemaligen Holzkirche wurden dabei entdeckt. Ist eine solche Entwicklung auch für die Pulheimer Pfarrkirche denkbar?



Richtfest für den Erweiterungsbau von 1885


Wißkirchen hält in seinem genannten Aufsatz von 2008 das für möglich, letztlich aber doch für spekulativ, da in Pulheim entsprechende Grabungen nicht durchgeführt worden seien – und das, obwohl es zweimal in jüngerer Zeit hierfür Anlass gegeben hätte, nämlich bei der Errichtung des Erweiterungsbaus von 1885, dem der Abriss des spätgotischen Chors vorausging, und beim Abriss des Erweiterungsbaus von 1885 und der Errichtung des heutigen Erweiterungsbaus in den Jahren 1970–72. Niemand hat in jenen Jahren eine entsprechende Grabung veranlasst, obwohl dringender Handlungsbedarf bestand.



Nach dem Abbruch des Erweiterungsbaus blieb der unter Denkmalschutz stehende Altbau stehen; Foto Ende März 1970


Der Goldschmied und Metallbildhauer Albert Sous, der mit dem Bau des Portals und einer Windfanganlage beauftragt wurde, berichtet, dass er damals mit dem Architekten Gottfried Kütter die Baustelle der Kirche besichtigte. Beide betraten dabei, für die vor Ort tätigen Bauarbeiter unerwartet, den erhaltenen und mit einem Bretterverschlag geschlossenen Altteil der Kirche. Dabei sah er, wie ein Bauarbeiter mit einer flachen Schaufel einen menschlichen Schädel platt schlug, sodass nur noch gelblicher Staub übrigblieb. „Sind Sie wahnsinnig?“, wies er ihn zurecht, zumal er sah, dass er es mit weiteren menschlichen Knochen genauso gemacht hatte. „Ich bin nicht wahnsinnig“, kam es zurück. „Wenn ich das nicht mache, haben wir morgen die Denkmalpflege auf dem Hals, und die legen uns für sechs Monate die Baustelle still.“ Offensichtlich handelte er auf Anweisung seines Chefs und des Bauherrn.
Rückblickend ist das, was hier geschah, ungeheuerlich. Ganz bewusst hat man die Spuren, die auf ein fränkisches Gräberfeld und damit auf die Anfänge einer fränkischen Siedlung in Pulheim verwiesen, beseitigt, um eine archäologische Grabung zu verhindern.


Die von Wißkirchen angestellte Vermutung, dass St. Kosmas und Damian auf eine Holzkirche über einem fränkischen Gräberfeld zurückgeführt werden könnte, gewinnt damit an Wahrscheinlichkeit.


JW

(3/04/10)

Richeza – eine Rheinländerin auf dem polnischen Königsthron

Die Beziehungen zwischen der Abtei Brauweiler und Polen

Lichtbildervortrag am Donnerstag, 18. März 2010, 19.30 Uhr im Kultur- und Medienzentrum in Pulheim, Steinstr. 15
In dem Vortrag wird die außergewöhnliche Lebensgeschichte einer jungen Frau im Mittelalter vorgestellt. Gemeint ist Richeza, die älteste Tochter des lothringischen Pfalzgrafen Ezzo und seiner Gemahlin Mathilde. Beide gründeten 1024 die Benediktinerabtei Brauweiler.
Richezas persönliches Schicksal wurde durch die große politische Entscheidung des fränkischen-deutschen Kaisers Otto III. und des polnischen Herzogs Boleslaw des Tapferen vor rund 1000 Jahren bestimmt. Da beide Herrscher damals nach einer neue Gestalt und Gestaltung ihrer Reiche suchten, kam es zu wechselhaften Beziehungen zwischen beiden. Im Jahre 1000 gab es ein historisch bedeutsames Treffen beider Herrscher in Gnesen, das ganz von den Gesten einer großen Freundschaft geprägt war. Um die Bedeutung ihrer „Gnesener Vereinbarung“ hervorzuheben, beschlossen Kaiser und Herzog, eine Eheverbindung zwischen ihren Familien. Hierzu wählte der Kaiser seine Nichte Richeza, die Tochter seiner Schwester, der Pfalzgräfin Mathilde.



Richeza (im Brauweiler Stifterbild)

1013 wurde sie mit Mieszko, dem Sohn des Polenherzogs Boleslaus vermählt. 1025 wurde Mieszko zum König von Polen gekrönt, und Richeza wurde Königin von Polen. Mit Richeza kam eine Welle geistig-kultureller Einflüsse aus dem Land zwischen Rhein und Maas in das Land zwischen Warthe und Weichsel.
Bald nach dem Tod ihres Mannes Mieszko kehrte Richeza in ihre rheinische Heimat zurück, während ihr Sohn Kasimir die Herrschaft der Piasten weiterführte. Richezas Hauptsorge galt nun dem pfalzgräflichen Hauskloster in Brauweiler, dessen große Gönnerin sie wurde. Anlässlich des Todes ihres Bruders Otto im November 1047 gelobte sie den Bau eines neuen Klosters und einer neuen Kirche. 1051 konnte die Krypta und 1061 die Oberkirche geweiht werden. Nur wenige Bauspuren haben sich erhalten. 1063 ist Richeza in Saalfeld gestorben. Im Rheinland verehrte man sie bald nach ihrem Tod wie eine Heilige, obwohl sie nie kanonisiert wurde.
Schließlich schlägt der Vortrag den Bogen vom Mittelalter zur Neuzeit und zeigt, wie die Königin Richeza im Polen des 19. Jhs. von Historikern und Künstlern „wiederentdeckt“ wurde, als man begann, nach der Liquidierung der Eigenstaatlichkeit durch die Teilungsmächte Russland, Preußen und Österreich, den Wunsch nach der Wiederherstellung der Nation zu fördern.
Eine Betrachtung der „Wiederentdeckung“ der Königin Richeza in Deutschland führt schließlich in die Zeit nach dem Ende der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Brauweiler kam hierbei eine besondere Rolle zu. Denn hier, wo in der Geschichte der ehemaligen Abtei Brauweiler einerseits mit Richeza positive Aspekte deutsch-polnischer Vergangenheit fassbar sind, hat andererseits die nationalsozialistische Gewaltherrschaft durch die Einrichtung eines Gestapogefängnisses und nach ihrem Ende ein Displaced-Persons-Lager der britischen Militärverwaltung deutliche Erinnerungen an das dunkelste Kapitel deutsch-polnischer Geschichte hinterlassen. Der Vortrag wird schließlich aufzeigen, wie bereits bald nach Kriegsende an diesem Ort die Königin Richeza als eine „Brücke nach Polen“, als ein Symbol deutsch-polnischer Versöhnung erkannt wurde.
Referent: Peter Schreiner
: Ort: : Pulheim, Kultur- und Medienzentrum, Steinstr. 15


PS

(3/01/10)




Impressum | KontaktImpressumKontakt