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  | Tag der Archive 2008: „Heimat und Fremde“ |
Seit vier Jahren ruft der Verband deutscher Archivare und Archivarinnen jährlich alle Archive dazu auf, sich am „Tag der Archive“ mit einem attraktiven Programm an eine breitete Öffentlichkeit zu wenden. Dieses Jahr findet er unter dem Motto „Heimat und Fremde“ am Wochenende von 1. auf den 2. März 2008 statt. Das in Brauweiler ansässige Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland (Auf der Insel, hinter dem Abteipark) bietet am 2. März ein Programm an zum Thema „Rheinlandtourismus von den Anfängen“. Hier soll aus dem genannten Anlass einmal hingewiesen werden auf die Pfarrarchive im Stadtgebiet Pulheim, die zwar nicht mit einem eigenen Programm aufwarten, in denen es für den Geschichtsinteressierten trotzdem vieles zu entdecken gibt. Zugänglich sind sie über die jeweiligen katholischen Pfarrbüros, in denen man sich vor einem Besuch jedoch anmelden sollte. Die kath. Pfarrarchive in Pulheim und Brauweiler sind durch Pfindbücher gut erschlossen. Zum Thema „Heimat und Fremde“ fallen einem die Scharen von Flüchtlingen ein, die vor sechzig Jahren aus dem Osten in unsere Gemeinden strömten. Ihren ganzen Besitz hatten sie verloren, es fehlte ihnen an Nahrung, an Kleidung, an Wohnung, ganz zu schweigen von einem Arbeitsplatz. Der Frage nachzugehen, wie die hiesige Ortsbevölkerung und die Flüchtlinge selbst diese unvorstellbare Notsituation zu meistern versuchten, ist lohnend. Und weil die katholischen Pfarrgemeinden ihrerseits hierzu ihren Beitrag zu leisten versuchten, findet man auch in den katholischen Pfarrarchiven interessante Informationen zum Thema, zum Beispiel im Pfarrarchiv Brauweiler im „Verkündigungsbuch der Pfarre St. Nikolaus“. Am 1. Adventsonntag 1947 verkündete der damalige Pfarrer Tücking von der Kanzel:
 Handschrift von Pfarrer Tücking im Verkündigungsbuch
“Im Landkreis Köln wird zur Zeit eine Sammlung für Notleidende aller Art, die durch den Krieg schweren Schaden erlitten haben, durchgeführt. Wer glücklich den Krieg überstanden und keine allzu großen Verluste gehabt hat, möge von seinem Besitz für die Besitzlosen abgeben. Jeder Familie wird in dieser Woche ein Zettel zugestellt, der nach wenigen Tagen von den Sammlern wieder abgeholt wird. Darauf mögen diejenigen, die eine Spende machen wollen, ihre Gabe vermerken, die Notleidenden ihre Wünsche bekanntgeben. Sollen wir uns durch ein Gesetz zur Abgabe unseres Besitzes zwingen lassen oder sollen wir freiwillig etwas abgeben? Was steht dem Christen besser an? Manche Gläubigen wären nun gerne bereit, Notleidenden Gebrauchgegenstände zu überlassen, wenn sie wüssten, in wessen Hände die Dinge kommen. Es soll darum jeder den Empfänger seiner Gabe bestimmen können und die Spende selbst überreichen. Die Jugendlichen, die sich als Sammler betätigen wollen, mögen um 11 Uhr im Pfarrsälchen sein.”
In dem Verkündigungsbuch findet sich bereits auf einer früheren Seite ein Originalzettel, der damals von Jugendlichen in die Wohnungen und Baracken gebracht wurde. Eine Seite war für die Geber, die andere für die Bittsteller bestimmt.

 Zettel für die Haussammlung vom Dezember 1947, Vor- und Rückseite
Solche kleinen anschaulichen Funde im Archiv können ein erster Einstieg sein in das weite Feld der Integration von Millionen Flüchtlingen in Westdeutschland vor 60 Jahren. Darüber nachzudenken, wie damals die “Fremden” aufgenommen wurden, lohnt sich, auch aus aktuellem Anlass. Wer weiter sucht, wird im Brauweiler Pfarrarchiv noch vieles andere finden.
JW
(2/29/08)
  | Alltag im Pulheimer Land um 1825 |
Wie lebten die Menschen des vorindustriellen Zeitalters vor gut 180 Jahren im Pulheimer Land? Eine detaillierte Berichterstattung darüber lieferte um 1825 der Kölner Kreisarzt Dr. Carl Anton Werres (1785-1836). Er war seiner Verpflichtung nachgekommen und hatte dem neuen preußischen Landesherrn ausführlich über den Zustand von Land und Leuten berichtet. Er stützte sich dabei auf die von ihm angeforderten Teilberichte der Bürgermeister des Kreises über ihre Gemeinde.
 Daniel Hartzheim, 1767-1844; 1824-1840 Bürgermeister der Bürgermeisterei Pulheim
Ehrenamtlicher Bürgermeister der Bürgermeisterei Pulheim, zu der die Gemeinden Pulheim und Geyen (mit Auweiler, Manstedten und Stöckheim) gehörten, war damals Daniel Hartzheim vom Domhof in Geyen. Bis heute noch ist der kleine Anbau an das Wohnhaus erhalten, in dem sich damals die Amtsstube der Bürgermeisterei Pulheim befand. Im Wesentlichen führte der Bürgermeister die Amtsgeschäfte allein, unterstützt nur von einem Beigeordneten, der wie er selbst nur ehrenamtlich, d. h. in seiner Freizeit tätig war. Für anfallende Schreibarbeiten gab es einen Gemeindesekretär – eine Aufgabe, die man in Stommeln damals dem Dorfschullehrer als zusätzlichen Broterwerb übertrug. Eine aufgeblähte Bürokratie, wie sie uns heute selbstverständlich ist, gab es nicht – aber auch keinen Sozialstaat, der vielfältige Aufgaben zum Wohl der Bürger übernahm, wie wir es heute verlangen.

 Anbau des Domhofes in Geyen. Von 1820 bis 1870 diente er als Amtsstube der Bürgermeisterei Pulheim. Zur Straßenseite hin gab es rechts eine Tür, die heute vermauert ist. Im Innern war der Anbau durch eine zweite Tür vom Wohnhaus aus zugänglich. Heute dient das kleine Gebäude als Abstellraum und wurde dafür umgebaut. Foto 2008. Oben Straßenseite, unten Hofseite.
Das am Domhof erhaltene damalige „Bürgermeisteramt“ ist ein historisches Denkmal, das Zeugnis ablegt von einer durch Armut geprägten Zeit. In einer Vortragsveranstaltung erinnert der Verein für Geschichte an diese Zeit
Mittwoch, 12. März 2008, 20.15 Uhr Abtei Brauweiler, Kaisersaal, Eingang Ehrenfriedstraße
Lichtbildervortrag ALLTAG IM PULHEIMER LAND UM 1825 Referentin: Dr. Sabine Graumann
Neben dem Alltagsleben der Menschen wird die Referentin besonders auch die damalige Situation in der Arbeitsanstalt Brauweiler mit hunderten von Insassen beleuchten. Eine heimtückische Augenkrankheit grassierte damals, die sogenannte „Ägyptische Augenentzündung“, die bei vielen Anstaltsinsassen zur Erblindung führte, weil die Ärzte gegen sie machtlos waren. Dr. Sabine Graumann, Hochschullehrerin an den Universitäten Köln und Bonn, kann in ihrem Vortrag auf eine ergiebige Informationsquelle zurückgreifen: die von ihr selbst edierte medizinische Topographie des Landkreises Köln, die der Kreisarzt Dr. Werres 1825 verfasst hat.
JW
(2/25/08)
  | Aus der Geschichte der Barbarakapelle in Pulheim |
Die barocke Barbarakapelle ist wohl eines der am häufigsten fotografierten Motive in Pulheim. Die Pulheimer lieben das pittoreske Erscheinungsbild der 1689 auf oktogonalem Grundriss errichteten Kapelle mit glockenförmigem Schieferdach und schmucker Laterne auf der Spitze. In beiden Weltkriegen erlitt sie schlimme Bombenschäden, und jedes Mal richtete man sie wieder her, weil sie für Pulheim ein emotional bedeutsames Identifikationsmerkmal ist. Dass die Kapelle heute in einem vorzüglichen baulichen Zustand ist, verdankt sie nicht zuletzt auch privatem Engagement einzelner Bürger, dem finanziellen Engagement der ehemaligen Spar- und Darlehnskasse Pulheim und in jüngster Zeit der ortsansässigen Malerwerkstatt Kemper GmbH. Über die Geschichte der Kapelle finden Sie im Denkmälerverzeichnis auf unserer Homepage genauere Informationen. Hier soll nur auf Aspekte aus der Geschichte der Kapelle hingewiesen werden, die weniger bekannt sind und die die Kapelle in unmittelbaren Zusammenhang rücken mit den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts. 1921 wurde sie zu einer „Krieger-Gedächtnis-Kapelle“ umgestaltet und an den Innenwänden die Namen der Gefallenen vermerkt.
 Barbarakapelle als „Krieger-Gedächtnis-Kapelle“ 1921
In der Nacht vom 20. auf den 21. September 1940 wurde die Kapelle bei einem Luftangriff schwer beschädigt. In der Kölner Zeitung „Der Neue Tag“ erschien am Tag darauf hierüber ein Bildbericht. Noch glaubte man, durch Fotos von Kriegszerstörungen die „Barbarei“ der Alliierten zu entlarven und den trotzigen Widerstand der eigenen Bevölkerung anstacheln zu können. Später, als die Zerstörungen durch Luftangriffe verheerende Ausmaße annahmen, wurden solche Fotos streng verboten, weil man von ihnen eher eine demoralisierende Wirkung befürchtete.

 Bildbericht in der Kölner Tageszeitung „Der Neue Tag“ vom 22.9.1940<{i
 Paul-Decker-Platz nach dem Luftangriff vom 21.9.1940
Heute hängen an den Innenwänden der Kapelle insgesamt 294 kleine hölzerne Gedenkkreuze mit den Namen der 64 Gefallenen des Ersten und den 230 Gefallenen des Zweiten Weltkrieges.
JW
(2/01/08)
  | Frühe Romanik in Köln-Lindenthal: Besuch des „Krieler Dömchens“ |
Mit einer interessanten kunsthistorischen Führung startet der Verein für Geschichte in Zusammenarbeit mit der VHS Rhein-Erft sein Veranstaltungsjahr 2008. Ziel ist die einstige Pfarrkirche St. Stephan in Köln-Lindenthal (am Ende der Zülpicher Straße), von den Kölnern liebevoll „Krieler Dömchen“ genannt. Die ursprünglich einschiffige kleine Saalkirche wurde bis zum 13. Jahrhundert in drei Bauabschnitten um den Rechteckchor und ein Seitenschiff an der Nordseite erweitert. Termin der Führung: Samstag, 9. Februar 2008, 10.30 Uhr Besuch des Krieler Dömchens Leitung: Dr. Martina Langel Treffpunkt: in der Kirche Anmeldung: bei der VHS Rhein-Erft (E-Mail: vhs@vhs-rhein-erft.de) oder zu Beginn der Führung vor Ort Teilnahmegebühr: 7,50 Euro
 Krieler Dömchen“
 „Krieler Dömchen“, Innenaufnahme
Fast 1100 Jahre Kunstgeschichte spiegeln sich in diesem bis in fränkische Zeit zurückgehenden kunsthistorischen Kleinod wider; weitgehend unverfälscht ist in ihm der Typus der damals entstandenen einschiffigen Landkirchen erhalten, wie er z. B. bis heute an der Geschichte der alten Martinuskirche in Stommeln und am Altteil der Pfarrkirche St. Kosmas und Damian in Pulheim ablesbar ist. In Köln-Niehl (Alt St. Katharina) findet sich ein ähnliches Beispiel. Auch im Ausgrabungsfeld der ehemaligen Kölner Pfarrkirche St. Kolumba, das man bei einem Besuch des modernen Kolumba-Museums besichtigen kann, entdeckt man die Fundamente dieses fränkischen Kirchentyps, aus dem sich dann in der Kölner Innenstadt die weiträumige Kolumbakirche entwickelt hat, die den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fiel.
 Alt St. Kosmas und Damian in Pulheim, Zustand vor dem Erweiterungsbau von 1885
In den Entstehungsgeschichten dieser frühen Dorfkirchen entdeckt man aufschlussreiche Parallelen. Das Krieler Dömchen ist aus einem Oratorium, einer kleinen Kapelle, hervorgegangen, die zum Hof „Crele“ gehörte, der 1324 (mit der Kirche) an das Stift St. Gereon fiel. Auch die alten Pfarrkirchen in Stommeln und Pulheim sind aus solchen „Eigenkirchen“ hervorgegangen, die zu benachbarten Fronhöfen Kölner Klöster gehörten; in Pulheim war es das Stift St. Georg, in Stommeln das Damenstift St. Cäcilien. In Grevenbroich-Ramrath ist diese Situation von Hof und benachbarter Hofkapelle bis heute erhalten (Ramrather Hof und St. Lambertuskapelle).
 St. Lambertuskapelle in Grevenbroich-Ramrath, neben dem Ramrather Hof
Historische Parallelen zwischen dem Krieler Dömchen und den alten Pfarrkirchen in Pulheim und Stommeln entdeckt man auch in der Innenausstattung: in allen drei Kirche findet sich eine Figurengruppe der Anna selbdritt (Anna, Maria und der Jesusknabe) aus der Zeit um 1500, als der Annakult im Rheinland – mit dem Zentrum Düren – seinen Höhepunkt erlebte.
 Anna selbdritt von 1480 im „Krieler Dömchen“
Beim Vergleich ergeben sich interessante Unterschiede in der Gestaltung dieses damals sehr populären Motivs: In Stommeln trug Anna (heute in der neuen Pfarrkirche neben dem Marienaltar) ursprünglich auf dem Arm Maria mit dem Kind (um 1500), im Krieler Dömchen sitzen Anna und Maria nebeneinander auf einer Bank und zeigen dem Betrachter das Kind, wobei der Großmutter Anna durch ihre Größe und den Zeigegestus der linken Hand ein herausgehobener Rang beim göttlichen Erlösungswerk zugesprochen wird (1480); in Pulheim ist knapp zwei Jahrzehnte später dieses Bank-Motiv weiterentwickelt worden zu einer lebendigen Familienszene. Der Besuch des Krieler Dömchens und seines Friedhofs mit alten Grabsteinen aus der Barockzeit führt an einen geschichtsträchtigen Ort, der zugleich dem Besucher aus dem Kölner Umland interessante Parallelen zu seinem eigenen Wohnort erschließt.
JW
(2/01/08)
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