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Januar 2010

Elisabeth Wirth, eine ‚unbesungene Heldin’, ist tot

Im Alter von 96 Jahren verstarb am 13. Januar 2010 Elisabeth Wirth geb. Schieffer in Köln-Fühlingen. Öffentliche Ehren sind ihr nie zuteil geworden. Aber sie verdient es, als ‚unbesungene Heldin’ im Gedächtnis behalten zu werden. Den Ort ihrer Kindheit und Jugend, Köln-Feldkassel im Norden Kölns, gibt es schon lange nicht mehr; er hat dem weiten Industrieareal der Fordwerke weichen müssen. Der kleine Bauernhof, auf dem sie mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester Maria gelebt hat, existiert nur noch als Foto.
Eine Hauptschule in Köln-Dünwald trägt heute den Namen ihres Vaters Heinrich Schieffer. Durch dessen zweite Frau Anna geb. Wienand stand die Familie in freundschaftlichem Kontakt zur Familie des jüdischen Frauenarztes Dr. Frankenstein, der 1937 verstarb. Seine Frau Susanna fand in den Jahren der wachsenden Verfolgung durch die Nationalsozialisten Unterstützung im Hause Schieffer, bis sie schließlich am 16. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, wo sie nach kaum einem Jahr umkam.
Auch die Familie des konvertierten „Volljuden“ Julio Goslar, der 1936 wegen seiner „Rassenzugehörigkeit“ vom Presbyterium der Lutherkirche in Köln-Nippes aus seinem Amt als Organist und Chorleiter entlassen worden war, unterstützte die Familie Schieffer in Feldkassel, u. a. mit Lebensmitteln. Weil seine Frau Christin war, blieb Julio Goslar zunächst von der Deportation verschont. Im Juli 1944 ging Julio Goslar dann aber in den Untergrund, um sich der jetzt auch ihm drohenden Deportation zu entziehen, und fand Unterschlupf auf dem kleinen Bauernhof in Feldkassel. Julio Goslar überlebte – dank der Familie Schieffer, aber auch der Familie Andreas Breuer in der Siebachstraße 86 in Köln-Nippes, wo er zuletzt Unterschlupf fand.
Auch zwei französische Kriegsgefangene bzw. Zwangsarbeiter fanden vor Kriegsende die Hilfe der Familie Schieffer: sie versteckte und versorgte sie auf dem Heuboden und nahm sie in den letzten Tagen, als der feindliche Artilleriebeschuss einsetzte, zu sich in den Gewölbekeller.





Elisabeth Wirth geb. Schieffer; Foto 2006


Als der kleine Hof Schieffer in Feldkassel mehreren verfolgten Menschen Hilfe bot, war die jetzt verstorbene Elisabeth verh. Wirth mehr als dreißig Jahre alt. Sie war selbst aktiv an den Hilfsaktionen beteiligt und trug das erhebliche Risiko mit. Im Gespräch sagte sie im September 2006, sie habe damals in ihrer Hosentasche – unter dem Kittel trug sie bei der schweren Feld- und Stallarbeit Männerkleidung – eine Pistole mit sechs Schuss Munition bei sich getragen, und sie hätte geschossen, wenn jemand die Versteckten hätte holen wollen. Auf die Frage, warum ihr Vater sich so verhalten habe, gab sie die einfache Antwort: „Aus christlicher Nächstenliebe.“ Diese Antwort gilt auch für sie selbst.
Im Lauf des Gespräches 2006, an dem auch die Schwester Maria verh. Weihrauch teilnahm, holte diese schließlich eine große Blechschachtel mit der Hinterlassenschaft von Susanna Frankenstein: Fotos, Kontoauszüge, Briefe der nach England geflohenen Tochter, Ausweise usw. Vor ihrer Deportation hatte sie sie vorbeigebracht, und die Familie Schieffer und zuletzt die Tochter Maria haben sie all die Jahre über verwahrt. Auf Anregung von Josef Wißkirchen haben Frau Wirth und Frau Weihrauch im Januar 2007 diese Blechschachtel an das NS-Dokumentationszentrum in Köln übergeben.
Der Tod von Frau Elisabeth Wirth ist Anlass, sich ihrer aufrechten Haltung, ihrer Zivilcourage und christlichen Gesinnung zu erinnern. Sie dachte damals nicht politisch im engeren Sinne, sondern schlicht mitmenschlich, aber in der finsteren Zeit des Nationalsozialismus erlangte das auch eine politische Qualität. Sie war keine Widerstandskämpferin, nie hätte sie diesen Ehrentitel für sich in Anspruch genommen; aber sie war eine mutige Frau, die ihre Gesinnung nicht der Diktatur der Nazis durch Mitläufertum geopfert hat.
Am Donnerstag, dem 21. Januar 2010 werden um 11.00 Uhr in der Pfarrkirche St. Marien in Köln-Fühlingen die Exequien für sie gehalten. Anschließend ist die Beerdigung auf dem Friedhof.


JW


(1/16/10)

Jugendliches Naziopfer identifiziert: Gustav Bermel

Die Dauerausstellung in der Gedenkstätte Brauweiler hat geholfen, das Foto eines jugendlichen Naziopfers zu identifizieren: Gustav Bermel, geboren am 11. August 1927 in Köln. Am 4. Oktober 1944 wurde er in der elterlichen Wohnung in der Melatenstraße 86 in Köln-Ehrenfeld festgenommen und in das Gestapogefängnis Brauweiler eingeliefert. Von dort wurde er am 10. November 1944 zusammen mit insgesamt 13 anderen Personen zur Hüttenstraße am Bahnhof Ehrenfeld gebracht, wo sie ohne richterliches Urteil öffentlich erhängt wurden. Gustav Bermel war damals erst 17 Jahre alt. Unter den Erhängten waren noch weitere Jugendliche, die alle in Brauweiler verhaftet und dort von der Gestapo verhört worden waren, u. a. Bartholomäus Schink (16 Jahre), Franz Rheinberger (17 Jahre) und als jüngster Günther Schwarz (16 Jahre).





Eingangstür zur Gedenkstätte Brauweiler. Bildmotiv: In den Grundriss einer Doppelzelle sind Zuschauer bei einer öffentlichen Hinrichtung von Zwangsarbeitern durch die Gestapo am Bahnhof in Köln-Ehrenfeld hineinmontiert.


Die Ehrenfelder Erhängung von Jugendlichen gehört zu jenen Naziverbrechen, die sich tief in das Kölner Gedächtnis eingegraben haben. Die vom Landschaftsverband Rheinland 2008 eingerichtete Gedenkstätte Brauweiler dokumentiert in ihrer Ausstellung diese Vorgänge, zeigt Originaldokumente und auch Fotos von Rheinberger, Schink und Schwarz.





Gustav Bermel, rechts; die Person links ist nicht identifizierbar.


Auf einer Schautafel mit den Namen der bekannten Todesopfer des Brauweiler Gestapokommandos Kütter, überwiegend osteuropäische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, zeigt die Ausstellung auch ein Foto von Gustav Bermel – in der Annahme, er sei eines der zahlreichen namenlosen Opfer der Gestapo aus Osteuropa. Josef Wißkirchen, der zusammen mit Hermann Daners die Dauerausstellung in der Gedenkstätte erarbeit hat, hatte das Foto unter zahlreichen anderen in einem DIN A4-Umschlag in den sogenannten „Terrorakten“ im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf gefunden (Rep. 248). Der Umschlag trägt den Vermerk: „Lichtbilder von Ausländern, die durch das ‚Kommando Kütter’ inhaftiert waren.“
Bei einer Gruppenführung durch die Gedenkstätte blieb eine Dame wie angewurzelt vor dieser Tafel stehen: „Das ist ja mein Cousin Gustav Bermel!“ All die Jahre über hatte sie das Schicksal ihres Vetters nicht vergessen, in der Familie hatte man darüber gesprochen, die näheren Umstände aber kannte sie nicht. Sie war, als es geschah, ja noch ein Kind. Und nun sah sie plötzlich sein Bild vor sich und war erschüttert.
Die Gedenkstätte Brauweiler hat mit ihrer Ausstellung wenigstens dazu beigetragen, einem jugendlichen Kölner Opfer nationalsozialistischen Unrechts sein Gesicht zurückzugeben.


Öffnungszeiten der Gedenkstätte Brauweiler
(im LVR-Bürohaus, am LVR-Parkplatz, Abteipark):
donnerstags 15.00 bis 17.00 Uhr; Eintritt frei.
Öffentliche Führungen (kostenlos):
jeweils am ersten Samstag im Monat,15.00 Uhr.
Nächster Termin: 6. Februar, 15.00 Uhr
Leitung Josef Wißkirchen.
Vereinbarung von Sonderführungen: 02234/9854-302.


JW

(1/16/10)

Fränkisches Gräberfeld unter St. Kosmas und Damian in Pulheim?

Orte, deren Namen auf „-heim“ enden, gehen, so lehrt die Ortsnamenforschung, ins 7. Jahrhundert zurück. Auch für Pulheim dürfte das gelten, obwohl der Ort erst 1067 erstmals urkundlich erwähnt wird. Die Kirche wurde nach uralter Überlieferung kurz nach 1000 von Heribert von Köln geweiht. Es handelte sich dabei um eine kleine, turmlose Saalkirche, die bis heute im Mauerwerk des Altteils der Kirche nachweisbar ist. Josef Wißkirchen hat 2008 im 33. Band der „Pulheimer Beiträge zur Geschichte“ hierüber berichtet und 3D-Rekonstruktionen des Ursprungsbaus aus ottonischer Zeit von Kay-R. Lippmann veröffentlicht.





Pulheimer Saalkirche, um 1000; 3D-Rekonstruktion von Kay-R. Lippmann


Ging diesem ersten steinernen Kirchenbau in Pulheim eine fränkische Holzkirche voraus? Solche Holzkirchen wurden bevorzugt über fränkischen Gräberfeldern errichtet, und so sind es in der Regel archäologische Untersuchungen dieser Gräberfelder, die eine genauere Datierung und sonstige Aufschlüsse über die Ursprungsbauten ermöglichen. Im benachbarten Rommerskirchen z. B. wurden nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs solche Grabungen durchgeführt. Mehrere fränkische Gräber und Spuren einer ehemaligen Holzkirche wurden dabei entdeckt. Ist eine solche Entwicklung auch für die Pulheimer Pfarrkirche denkbar?





Richtfest für den Erweiterungsbau von 1885


Wißkirchen hält in seinem genannten Aufsatz von 2008 das für möglich, letztlich aber doch für spekulativ, da in Pulheim entsprechende Grabungen nicht durchgeführt worden seien – und das, obwohl es zweimal in jüngerer Zeit hierfür Anlass gegeben hätte, nämlich bei der Errichtung des Erweiterungsbaus von 1885, dem der Abriss des spätgotischen Chors vorausging, und beim Abriss des Erweiterungsbaus von 1885 und der Errichtung des heutigen Erweiterungsbaus in den Jahren 1970–72. Niemand hat in jenen Jahren eine entsprechende Grabung veranlasst, obwohl dringender Handlungsbedarf bestand.





Nach dem Abbruch des Erweiterungsbaus blieb der unter Denkmalschutz stehende Altbau stehen; Foto Ende März 1970


Der Goldschmied und Metallbildhauer Albert Sous, der mit dem Bau des Portals und einer Windfanganlage beauftragt wurde, berichtet, dass er damals mit dem Architekten Gottfried Kütter die Baustelle der Kirche besichtigte. Beide betraten dabei, für die vor Ort tätigen Bauarbeiter unerwartet, den erhaltenen und mit einem Bretterverschlag geschlossenen Altteil der Kirche. Dabei sah er, wie ein Bauarbeiter mit einer flachen Schaufel einen menschlichen Schädel platt schlug, sodass nur noch gelblicher Staub übrigblieb. „Sind Sie wahnsinnig?“, wies er ihn zurecht, zumal er sah, dass er es mit weiteren menschlichen Knochen genauso gemacht hatte. „Ich bin nicht wahnsinnig“, kam es zurück. „Wenn ich das nicht mache, haben wir morgen die Denkmalpflege auf dem Hals, und die legen uns für sechs Monate die Baustelle still.“ Offensichtlich handelte er auf Anweisung seines Chefs.
Rückblickend ist das, was hier geschah, ungeheuerlich. Ganz bewusst hat man die Spuren, die auf ein fränkisches Gräberfeld und damit auf die Anfänge einer fränkischen Siedlung in Pulheim verwiesen, beseitigt, um eine archäologische Grabung zu verhindern.



Die von Wißkirchen angestellte Vermutung, dass St. Kosmas und Damian auf eine Holzkirche über einem fränkischen Gräberfeld zurückgeführt werden könnte, gewinnt damit an Wahrscheinlichkeit.


JW

(1/03/10)




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