17. Sonderveröffentlichung des Verein für Geschichte und Heimatkunde e.V., Pulheim 1997
ISBN 3-927765-22-8, 493 Seiten, zahlr. Abb.
(Erhältlich nur noch in der Buchhandlung Bücher Glaeser, Pulheim und Stommeln)
Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein, Heft 201/1998
WISSKIRCHEN, durch eine Reihe von Publikationen ausgewiesener Kenner der Gemeinden der heutigen Stadt Pulheim, hat mit dieser Arbeit den ersten Band einer Stommelner Ortsgeschichte vorgelegt, der geradezu als musterhaft gelten kann. WISSKIRCHEN versteht ihn bewußt als Fortsetzung des im Jahre 1962 erschienenen Werkes von HANS WELTER Stommeln 962-1962, das allerdings nur bis in die Zeit der Französischen Revolution reichte. Die 120 Jahre zwischen 1794 und 1914 versteht WISSKIRCHEN als Phase eines Veränderungsprozesses, der auch die Grundlagen der gegenwärtigen Verhältnisse hervorbrachte. Jene Epoche ist geprägt durch eine selbständige Gemeinde Stommeln, wozu auch Ingendorf und Stommelerbusch zu zählen sind.
Es würde zu weit führen, auf alle Details hinzuweisen, die WISSKIRCHEN in akribischer Recherche in ein Gesamtbild hat einfließen lassen, das den Wandel, die Konflikte, Umbrüche und Entwicklungen für Stom-meln höchst anschaulich verdeutlicht. Das ausgehende 18. Jahrhundert erweist sich dabei als eine folgenreiche Zeit für den Ort, dessen historische Keimzelle im Umfeld des heutigen Bahnhofs liegt. Hatte bereits 1783 eine Feuersbrunst mehr als ein Drittel des Gebäudebestandes in Stommeln zerstört, so verursachten die politischen Umwälzungen der französischen Zeit (1794-1814) auch eine tiefgreifende Veränderung des sozialen Gefüges. Allerdings: die im Orte führenden Familien blieben die gleichen (vgl. S. 40). Um 1800 war Stommeln jedenfalls noch ein reines Bauerndorf, dessen Bevölkerung fast vollständig seinen Lebensunterhalt wenigstens indirekt aus der Landwirtschaft bezog. Dies führte zu Abhängigkeiten, die nur unzulänglich gelindert werden konnten; insbesondere die Verdoppelung der Bevölkerung in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Einfluß auf das wirtschaftliche und soziale Gefüge im Ort. Dies führte zu einer verstärkten Auswanderung nach Amerika und dann auch zu einer Abwanderung Richtung Köln und seiner Vororte. Erheblichen sozialen Sprengstoff barg auch die 1848 einsetzende Rodung des Stommelner Busches, da dies den endgültigen Verlust der noch aus dem Mittelalter überlieferten gemeinschaftlichen Nutzungsrechte mit sich brachte. Für die zahlreichen kleinen Familien ohne nennenswerten Landbesitz zog dies eine massive Bedrohung ihrer Existenz und wachsendes Elend nach sich. Nur langsam ist es gelungen, derartige Auswirkungen aufzufangen und die allgemeine Situation zu verbessern. In beschränktem Maße haben dabei einzelne Gewerbebetriebe, darunter kleinere Brauereien, zur Beschäftigung vor Ort beigetragen. Auch trug der seit 1845-48 durchgeführte Ausbau einer neuen Trasse der Venloer Straße dazu bei, daß ein bisher nicht gekannter großräumiger Handelsaustausch sowie gesteigerte
Mobilität der Einwohner möglich wurde. Eine noch stärkere Zäsur stellte schließlich 1898/99 die Eröffnung der neuen Bahnstrecke von Grevenbroich Richtung Köln dar, die den lokalen Horizont erheblich erweiterte. WISSKIRCHENS Aussagen sind keineswegs auf die hier angedeuteten Gegenstände beschränkt. Die örtliche Verwaltung, die Kirchengemeinde St. Martinus und die Schule sind gleichfalls Gegenstand seiner Untersuchung. Auch der biographische Aspekt mit Blick auf Bürgermeister, Pfarrer oder Lehrer kommt nicht zu kurz. Ein besonderer Blick gilt den Stommelner Juden, die mit einer eigenen Gemeinde vertreten waren. Aber auch Gegenstände wie Gesundheitswesen, Feuerwehr oder Vereine werden von WISSKIRCHEN berücksichtigt.
Nicht nur für Stommelner wird es ein Gewinn sein, dieses flüssig und anschaulich geschriebene Buch zu lesen. Es ist solide recherchiert und bezieht lokale sowie übergeordnete kirchliche und staatliche Archive ein. Die Verständlichkeit auch für den interessierten nichtfachlichen Leser wird noch dadurch erhöht, daß lateinische Texte auch in deutscher Übersetzung wiedergegeben werden und der Autor alte Lokalitäten nach Möglichkeit im heutigen Ortsbild zu lokalisieren sucht. Eine Fülle von Fotos aus Vergangenheit und Gegenwart liefern darüber hinaus auch optisch eine gelungene und einprägsam Abwechslung und Ergänzung zum Text. Auf zwei Dinge möchte Rezensent allerdings korrigierend hinweisen: Seite 113 wäre 1848 nach 1948 zu korrigieren, und bei der mehrfach (u. a. S. 86 u. 187) angegebenen Numeration" bzw. "Renumeration" wird es sich um einen Lesefehler handeln (richtig: Muneration bzw. Remuneration). Was die Debatten und Beschlüsse der Rheinischen Provinziallandtage betrifft, soweit sie die
Gemeinde Stommeln angingen, so sei ergänzend auf die einschlägige Überlieferung im Archiv des Landschaftsverbandes Rheinland hingewiesen.
Insgesamt ergibt sich ein höchst interessantes Bild über die Entwicklung einer ländlichen Gemeinde, deren Beharrungskräfte im Hinblick auf das Festhalten an Althergebrachtem immer wieder von außen und sei es durch die preußischen Verwaltungsbehörden eindringenden fortschrittlichen" Initiativen in Reibung gerieten, sich manchmal durchsetzten, manchmal aber auch Anstöße in eine neue zukunftsweisende Richtung erhielten. Für Stommeln ist ein facettenreiches Bild entstanden, das diese Prozesse deutlich macht. Mit großer Neugier wird man das Erscheinen des zweiten Bandes erwarten, der die Jahre 1914 bis 1975 abdecken soll.
Köln, Dr. WOLFGANG SCHAFFER