Verein für Geschichte und Heimatkunde Verein für Geschichte und HeimatkundeStadtverwaltung Pulheim
Aktuelles Archiv Beitritt Links
NavigationsleistePersonenVereinVeranstaltungenPublikationenThesaurusBuchbestellung

Archiv

[Buchbesprechungen] [Newsarchiv]

Buchbesprechungen


HERMANN DANERS / JOSEF WISSKIRCHEN: Was in Brauweiler geschah. Die NS-Zeit und ihre Folgen in der Rheinischen Provinzial-Arbeitsanstalt. Dokumentation

(Rheinprovinz, Bd. 16/Pulheimer Beiträge zur Geschichte, Sonderveröffentlichung 27), Pulheim: Verein für Geschichte e. V. 2006, 160 5., zahlreiche farb. und s/w-Abb., ISBN: 3-927765-39-2, € 9,80.

Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 210/2007, S. 288–290
HERMANN DANERS und JOSEF WISSKIRCHEN sind seit mehr als einem Jahrzehnt mit Einzelstudien zur Geschichte der Rheinischen Provinzial-Arbeitsanstalt in Brauweiler hervorgetreten. Nun haben sie als Autorenteam eine Dokumentation über die Jahre 1933 bis 1945 publiziert. Sie entstand im Zusammenhang mit den Planungen zur Einrichtung einer kleinen Gedenkstätte im Kellergeschoss des ehemaligen Frauenhauses der Anstalt, die die Autoren auch konzipiert haben. Der Band ist dementsprechend großzügig mit Fotografien, Dokumenten und Karten versehen, die redaktionellen Texte sind knapp gehalten. Damit gelingt es, auf sehr anschauliche Weise in die Geschichte eines Ortes einzuführen, der im Rheinland eine bedeutende Stellung für die Durchsetzung nationalsozialistischer Politik hatte, und zwar sowohl als Zentrum einer rassistischen Bevölkerungsauslese als auch als eine der wichtigsten Haft- und Folterstätten der Region.
In der Rheinischen Provinzial-Arbeitsanstalt, im 19. Jahrhundert eine der größten ihrer Art im Deutschen Reich, hatte man in den 1920er Jahren mit Reformen begonnen. Die Insassen der verschiedenen Abteilungen („Korrigenden“ im Anschluss an eine Gefängnisstrafe, Alte oder Hilfsbedürftige, Zuhälter und Prostituierte, „Geisteskranke“, Alkoholiker und „Arbeitsscheue“ sowie jugendliche Fürsorgezöglinge) sollten durch regelmäßiges Arbeiten, aber auch durch Weiterbildung und Stärkung ihrer Persönlichkeit zu einem selbständigen Leben in der Gesellschaft befähigt werden. Doch mit der „Gleichschaltung“ der Arbeitsanstalt unter dem im April 1933 eingesetzten Leiter der Rheinischen Provinzialverwaltung in Düsseldorf, Heinz Haake, einem „alten Kämpfer“ der rheinischen NSDAP, waren derlei Ansätze nicht mehr erwünscht. Der amtierende Direktor Ernst Scheidges wurde noch im gleichen Monat der Korruption beschuldigt und in Gestapohaft genommen. Die Geschicke der Anstalt lenkte nach einem Interimsdirektor dann bis Kriegsende Albert Bosse, SA-Führer und ehemaliger Berufssoldat, über den darüber hinaus leider keine weiteren biographischen Hinweise gegeben werden. Bosse rekrutierte als Personal vorwiegend altgediente NSDAP-Angehörige und ehemalige Soldaten, führte militärischen Drill ein und machte die Rassenhygiene zum Leitprinzip der Anstaltsarbeit. Aber auch der formale Rahmen änderte sich grundlegend: Die so genannten Korrigenden wurden nun unmittelbar durch Gerichte eingewiesen, womit die Anstalt sich von einer Einrichtung der öffentlichen Fürsorge in ein Vollzugsorgan der Justiz wandelte.
Über den Alltag der Anstaltsinsassen unter diesen Vorzeichen erfährt man kaum etwas, dafür werden aber die seit 1934 durchgeführten Zwangssterilisationen (für Brauweiler Anstaltsinsassen sind bis Februar 1940 417 Fälle bekannt), die verschiedenen Abteilungen für Fürsorgezöglinge, die um Sonderabteilungen mit strenger Isolation oder gesonderter „Arbeitserziehung“ ergänzt wurden, die Zusammenarbeit mit dem Erbbiologischen Institut in Bonn sowie die Einweisung von Jugendlichen in die Jugendkonzentrationslager Moringen und Uckermarck dokumentiert. Schließlich wird das Schicksal zweier Jugendlicher geschildert, die aus Brauweiler geflohen waren und vom Kölner Sondergericht zum Tode verurteilt wurden. Den größten Teil der Dokumentation nimmt die Geschichte der parallel zur Anstalt betriebenen polizeilichen Hafteinrichtungen ein. Hierbei ist ausdrücklich die sorgfältige Rekonstruktion der „Topographie des Terrors“ anhand von Karten und Luftaufnahmen zu loben, wurden doch diese Gebäude – bis auf das „Frauenhaus“ – 1972 abgerissen: Das „Bewahrungshaus“, der „Zellenbau“ und das „Arresthaus“. Drei dieser vier Gebäude wurden für das „Konzentrationslager Brauweiler“ genutzt, das im März 1933 auf Weisung des Kölner Regierungspräsidenten eingerichtet und ein Jahr lang unter der Leitung Bosses betrieben wurde. Brauweiler war das mit Abstand größte frühe KZ im Rheinland; bis zu 895 politische Gegner und Gegnerinnen wurden hier gefangen gehalten. Den Großteil entließ man wieder, andere wurden in Untersuchungsgefängnisse überführt; bei Auflösung des Lagers überstellte man die letzten rund 300 Häftlinge in die KZ Esterwegen und Moringen. 1938 nutzte dann die Kölner Staatspolizei Brauweiler zur kurzfristigen Unterbringung von rund 600 Juden aus dem Rheinland, die nach dem Novemberpogrom festgenommen und nach Dachau deportiert wurden. Seit 1940 wurden im Zellenbau unangepasste Jugendliche, die aus der „Bündischen Jugend“ („Edelweißpiraten“) kamen, inhaftiert, dann Niederländer, Belgier und Luxemburger, außerdem auch „Spanienkämpfer“, die das Franco-Regime an seinen Verbündeten ausgeliefert hatte.
Ab 1942 richtete sich die Gestapo dann fest in Brauweiler ein, zunächst in einzelnen Etagen des Zellenbaus, dann im gesamten Zellenbau sowie auch im Frauenhaus und im Arresthaus. Das Wirken der beiden im Jahr 1944 eingerichteten „Sonderkommandos“ unter den berüchtigten Kommissaren Kurt Bethke und Ferdinand Kütter nimmt einen breiten Raum ein. Dargestellt werden die verschiedenen verfolgten Gruppen: Zwangsarbeiter, die organisierter Widerstandstätigkeit beschuldigt wurden (u. a. „Armia Krajówa“, „Action Catholique“); die nach dem gescheiterten Attentat auf Adolf Hitler in der „Aktion Gewitter“ Festgenommenen (darunter Konrad Adenauer); die Angehörigen der Widerstandsgruppe „Nationalkomitee Freies Deutschland“; die in Köln-Ehrenfeld festgenommenen Zwangsarbeiter, Deserteure, Kleinkriminellen und Jugendlichen, die zuvor meist illegal in den Ruinen gelebt hatten und von der Gestapo zu einer „Verbrecherbande“ stilisiert wurden. Berichte von Zeitzeugen über Folterungen und den Zustand der Leiber von zu Tode gequälten Häftlingen, die Darstellung der Hinrichtung Brauweiler Häftlinge durch die Gestapo in Ehrenfeld, im Klingelpütz und im EL-DE-Haus am Appellhofplatz, schließlich die brutale Erschießung von zwei jungen russischen Frauen in Brauweiler selbst im Februar 1945 lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass Brauweiler, so die Autoren, in der Zeit von Herbst 1944 bis Kriegsende „eine der abscheulichsten Folterstätten der Gestapo im Rheinland“ war.
Der Darstellung der Evakuierung der Anstalt folgen jeweils Kapitel über NS-Täter vor Gericht, das Brauweiler „Displaced Persons Camp“ und Brauweiler als Gedenkort, wobei auch der Friedhof mit einbezogen wird. Insgesamt kann die Publikation den Informationsbedarf eines breiten Publikums befriedigen. Gleichwohl sind einige kritische Anmerkungen angebracht. Zu Recht schreiben die Autoren eingangs, dass in Brauweiler nach 1945 eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit nicht stattfand, weil die „persönlichen Verflechtungen mit der Arbeitsanstalt“ zu eng gewesen seien, als dass man sich diesem Thema hätte zuwenden können. Über das Verhältnis der Brauweiler Bevölkerung zu der Anstalt erfährt man aber auch in diesem Band nichts. Weder wird über die Arbeits- oder Geschäftsbeziehungen zwischen Dorf und Anstalt etwas mitgeteilt, noch etwas über die Reaktionen der Bevölkerung auf die wohl kaum geheim gebliebenen Zustände dort. Augenscheinlich mit Blick auf die Zielgruppe werden Forschungsfragen oder eine Auseinandersetzung mit der Quellenlage ausgeblendet. Stattdessen wird einleitend betont, man habe die redaktionellen Texte bewusst in einem „sachlich-informativen Ton“ gehalten und „Wertungen nur zurückhaltend formuliert“. Diesen Anspruch vermögen die Autoren gleichwohl nicht immer einzulösen. Deutlich zutage tritt dies in dem Kapitel über Hans Steinbrück und die zwölf anderen am 10. November 1944 in Köln-Ehrenfeld Hingerichteten. Allzusehr wird da der Blickwinkel der Gestapo reproduziert, was den Ermordeten – unter ihnen jugendliche Edelweißpiraten – keineswegs gerecht wird.

Karola Fings, Köln




Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 79/2008, S. 261f.
Diese gemeinsame Veröffentlichung des Landschaftsverbandes Rheinland und des Pulheimer Vereins für Geschichte wurde in der Planungsphase der 2008 in Brauweiler eingerichteten Gedenkstätte herausgegeben. Das reich illustrierte Werk hat mit HERMANN DANERS und JOSEF WISSKIRCHEN zwei ausgewiesene Autoren, die bereits zahlreiche Publikationen zur Geschichte der Rheinischen Provinzial-Arbeitsanstalt in Brauweiler vorgelegt haben. Als knappe, gut lesbare Darstellung für ein breites Publikum konzipiert, bietet der Band nach einer kurzen Einführung zunächst vor allem Kapitel zur »Gleichschaltung« der Arbeitsanstalt und zu ihrer Tätigkeit im Dienste des Nationalsozialismus, insbesondere zur Zusammenarbeit mit dem Kölner »Erbgesundheitsgericht«, den in der Kölner Universitätsklinik durchgeführten Zwangssterilisationen sowie zum Schicksal der Fürsorgezöglinge. Der Schwerpunkt der Dokumentation liegt jedoch nicht auf diesen Nutzungen der Einrichtung zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Rassenideologie, sondern auf der Rolle, die Brauweiler als Haftstätte während des »Dritten Reiches« spielte: Einzelne Kapitel widmen sich unter anderem dem frühen Konzentrationslager Brauweiler, der Massenverhaftung von Juden nach dem Novemberpogrom 1938, den in Brauweiler inhaftierten unangepassten Jugendlichen sowie schließlich dem » Gestapo-Komplex« Brauweiler ab 1942 (Sonderkommandos Kurt Bethke und Ferdinand Kütter) samt den Folterungen und Morden. Der Band skizziert auch die Prozesse gegen die Täter in der Nachkriegszeit und das von März 1945 bis 1949 hier betriebene Lager für Displaced-Persons. Während der Leser sich knapp über das Verhältnis zwischen den DPs und der Bevölkerung in der Nähe des Lagers informieren kann, wäre eine sozialräumliche Verortung der nationalsozialistischen Terrorstätte und eine Skizze des Beziehungsgefüges zwischen ihr und der Umgebungsgesellschaft allerdings zu wünschen, zumal es in einem Zitat aus dem Jahr 1949 heißt, dass der »Ort Brauweiler [...] seine Entwicklung einzig und allein der Anstalt [verdankt]« und die »Bevölkerung Brauweilers [...] stets eng mit der Anstalt verbunden [war]« (S. 16). Hervorzuheben ist schließlich die hervorragende Bebilderung mit vielen historischen und modernen Fotos sowie zahlreichen archivalischen Dokumenten, Zeitungsausschnitten, Karten und Plänen.

Stefan Wunsch, Köln






Impressum | KontaktImpressumKontakt